3.
Siedlungen und Geschichte
Von alten Siedlungen und geschichtlichen
Begebenheiten
Die Stadt im Chamber
[Region Läufelfingen (am Hauenstein): Zwischen Wittinsburg
und Rümlingen liegt der Chambergraben - heute Tierfriedhof
- früher eine Stadt]
Zwischen dem Bergdorf Wittinsburg und dem Talorte
Rümlingen erstreckt sich am Rande der Hochfläche der
Chambergraben, ein grösseres, waldreiches Gelände, das
durch die beiden schluchtartigen Dorfbächlein im Norden
und Süden begrenzt wird. Der Länge nach kann man ebenfalls
zwei grabenartige Vertiefungen feststellen, die den
Eindruck erwecken, es seien hier grössere künstliche
Bodenbewegungen ausgeführt worden. Eine ebene Stelle einer
dieser Hohlformen diente lange Jahre als Schindanger [Ort,
wo tote Tiere gehäutet und verscharrt oder den Geiern
überlassen wurden] (Wasenplatz [Wasen: nasser Rasen zur
Entsorgung von Tierkadavern]).
Die Volkssage berichtet, im Chamber sei früher eine
befestigte Stadt gestanden, die wahrscheinlich durch ein
Erdbeben zerstört wurde. Hiefür sprächen die zahlreichen
Felstrümmer, die überall herumliegen. Zu der Stadt gehörte
auch ein Friedhof, von dem man vor einigen Jahren noch
einige Gräber in der Nähe des Dorfes entdeckt haben will.
Auch soll ein unterirdischer Gang vom Chamber nach
Rümlingen geführt haben, wo er im Keller des Pfarrhauses
an die Erdoberfläche mündete. [S.29]
D'Heidestadt
[Brätzbel (Bretzwil bei Reigoldswil) und ein paar Höhlen -
Jesus-Fantasie-Christen vertreiben die UreinwohnerInnen in
die Höhlen, statt von ihnen zu lernen]
Südlig vom Dorf Brätzbel, zwüsche-n-im Riedbärg und im
Aletechopf stoht d'Heidestadt. Me gseht's däm Bärg a, ass
er emol, villicht scho in grauer Vorzyt, abgschtürzt
[S.29] isch. Es wird agnoh, er syg vorhär höcher gsi as
der Riedbärg. Er isch au noh bis in die jüngeri Zyt
unruehig gsi; mehreri mol sy noch chlyneri Teil
abgrütscht. Obe-n-uf im Bärg het's tiefi Löcher und
underirdischi Gäng gha; die sy aberjetz zum gröschte Teil
ygfalle. Noh vor e paar Johrzähnte heig me ne Stei, wo
me-n-in e Loch abe glo heig, noh lang gkört rolle. Der
Schnee schmilzt hüte noh allewyl z'erscht an dene Stelle.
Wie's im Volch heisst, syge sälbmol, wo s'Chrischtetum
[mit em Fantasie-Jesus vom Gay-Vatykan] unter de Germane
feschte Fuess gfasst heig, d'Heide [die Ureinwohner mit
Mutter Erde] in die Höhlene gflüchtet und heige dört obe
ihr Läbe gfrischtet. Noh andere-n-Ussage syge d'Heide vo
Zyt zu Zyt dört ufe, um im Gheime ihre heidnische Sitte
und Gibrüche z'fröhne [Rituale für Mutter Erde und die
Sterne]. Us däm Grund heiss dät Bärg d'Heidestadt. [S.30]
Das verschwundene Dorf bei Ettingen
[Region Ettingen (am Blauen) und das Dorf Rinolfingen ist
nicht mehr]
Unterhalb des Schlosses Fürstenstein lag vor vielen Jahren
das Dorf Rinolfingen. Die Flur heisst heute noch
"s'Rinolfingli". Das Dorf soll in einem Kriege verbrannt
worden sein, denn alle Häuser bestanden nur aus Holz.
[S.30]
Die alte Hellebarde
[Ziefen (neben Reigoldswil): Eine alte Kriegswaffe auf dem
Boden einer Kirche - und der Knappe Spiess - die
Hellebarde wird verkauft]
Auf dem Estrich der Ziefner [Jesus-Fantasie]-Kirche wurde
lange Zeit eine alte Hellebarde aufbewahrt. Diese stammte
nach der Sage aus der Schlacht von St. Jakob an der Birs
[1444]. Einer aus dem Geschlechte der Spiess diente damals
bei Henmann Sevogel als Knappe [Diener auf Feldzügen].
Während zehn andere Ziefner und ein Arboldswiler tot auf
dem Schlachtfelde verblieben, kehrte Spiess wieder heim.
Als Anerkennung für seine Dienste wurde er nachher mit
[S.30] dem Amte des [Jesus-Fantasie]-Sigrists betraut. -
Die Hellebarde aber wurde von einem unrühmlichen
Nachfahren von Spiess vor ein paar Jahrzehnten um weniges
Geld einem Trödler verkauft. [S.31]
Warum die Wegenstetter in der Engstigen ein Vaterunser
beten
[Fricktal (Kanton Aargau) mit Wegenstetten und Rothenfluh
im Kanton Basel-Land - Grabstätte mit Pestleichen und ein
Gebet]
Die Fricktaler waren mit den Baselbietern von jeher gut
befreundet. Ein besonders freundnachbarliches Verhältnis
bestand zwischen den Wegenstettern und Rothenflühern, wozu
der gegenseitige Grenzschmuggel viel beigetragen haben
mag.
Einst forderte die Pest in beiden Dörfern zahlreiche
Opfer. Man einigte sich - aus welchem Grunde weiss man
heute nicht mehr - die Pestleichen in der Engstigen,
unterhalb der Sägemühle, an der alten Strasse nach
Ormalingen zu bestatten. Dies geschah. Kam nun in früheren
Jahren ein Wegenstetter an jenem Begräbnisplatz vorbei,
entblösste er sein Haupt und sprach still für seine
Vorfahren ein Vaterunser. [S.31]
Das Plattenwirtshaus
[Von Basel nach Laufen über den Blauen - auf der Passhöhe
"Platte" steht ein Wirtshaus - das wird zur Räuberhöhle]
Ein alter Verbindungsweg des Laufentales mit Basel querte
den Blauenberg bei der Passlücke der sogen. Platte, wo
heute die basellandschaftlichen Gemeindebänne Ettingen und
Pfeffingen mit den bernischen Bännen Blauen und Nenzlingen
zusammenstossen.
Dort stand früher zur Erquickung und Beherbergung der
Wanderer, die vom Birstal ins Birsigtal zogen, ein
Wirtshaus. Mit der Zeit wurde diese Gaststätte aber zu
einer wahren Räuberhöhle. Die Reisenden wurden [S.31]
überfallen und ausgeraubt. Viele Wanderer verschwanden
spurlos.
Die Grossmutter aus jenem verrufenen Hause wurde von
Gewissensbissen gequält und erzählte ihrem Beichtvater die
Mordtaten, von denen sie Zeuge gewesen. Der Priester
hinterbrachte das Geständnis dem [Jesus-Fantasie]-Bischof,
worauf dieser das Wirtshaus niederreissen liess. [S.32]
Das Plattenkreuz
[Von Basel nach Laufen über den Blauen - auf der Passhöhe
"Platte" wurde ein Metzger überfallen - Gegenwehr mit
Abdrücken im Fels]
Das Plattenkreuz steht auf einem Felsen, auf welchem man
verschiedene Eindrücke sieht, die von Menschen-, Hunds-
und Kalbsfüssen herrühren sollen. Die Sage erzählt, es sei
einst ein Metzger aus dem Laufental in später Nacht über
die Platte gekommen. Er führte ein Kalb und einen Hund bei
sich. An der Stelle, wo heute das Kreuz steht, sei er von
Räubern überfallen und getötet worden. Die Eindrücke im
Felsen rühren von seiner und seiner Tiere starken
Gegenwehr her. [S.32]
Reinach im 30jährigen Kriege
[Reinach, Kanton Basel-Land: Plünderungen bis auf ein
Haus]
Im Schwedenkriege [1630-1635] wurde auch Reinach von
plündernden Soldaten heimgesucht. Alle Häuser wurden
ausgeplündert bis an eines, in welchem ein kleines
Wiegenkind lag, das von den flüchtenden Eltern wohl
vergessen worden war. [S.32]
Die Russen in Seltisberg
[Basel und Liestal: Die Koalitionstruppen gegen Napoleon
machen eine Pause in Basel und bei Liestal in St.
Pantaleon und Seltisberg - russische Soldaten streiten um
einen Rest Speck]
Es war zur Zeit, als die Heere der Verbündeten durch Basel
nach Frankreich zogen, um den Kaiser Napoleon zu
demütigen. Die Soldaten mussten einquartiert und
verproviantiert werden. Das konnte die Stadt Basel nicht
allein bewältigen. Nun zog einer der Offiziere [S.32] die
Landkarte hervor und forschte darin, wo er seine Soldaten
unterbringen könnte. Da las er den Namen St. Pantaleon. Er
brach nun unverzüglich mit seinen Soldaten auf nach dieser
vermeintlichen Stadt. Als er aber über Schauenburg kam,
sah er vor sich ein kleines armes Nestchen. Was sollte er
mit seinen hungrigen und müden Soldaten anfangen? Sie
mussten sich alle auf die kleinen umliegenden Dörfer
verteilen.
So kam auch ein Trupp Russen nach Seltisberg. Dass so ein
grosser Feldzug die im Grunde gutmütigen Russen nicht
feiner machte, kann man wohl begreifen; mussten sie doch
alles, Frau und Kinder, Haus, Land und Vieh zurücklassen
und in die Fremde ziehen, um vielleicht nie
wiederzukehren.
Da wurden auch in einem Seltisberger Bauernhause einige
Russen einquartiert. Zum Mittagessen hatten sie Suppe und
Speck. Vom Speck liessen sie noch übrig und gingen aus dem
Haus. Als sie fort waren, setzten sich die Bauersleute an
den Tisch und assen den übrig gebliebenen Speck. Am Abend
kehrten die Soldaten zurück und verlangten den Speck. Aber
der war nicht mehr vorhanden. Die Leute konnten lange
sagen, sie hätten ihn vergessen. Die Russen verstanden sie
wohl nicht recht und verlangten, immer wilder werdend, den
Speck.
Zu der betreffenden Haushaltung gehörten drei grosse,
starke Männer. Der eine von ihnen trat nun in die Stube
und rief mit Donnerstimme, indem er auf den Tisch hieb:
"Was wei die Donnere?" Dann nah er einen festen Munifisel
zur Hand und jagte die Russen zur Stube hinaus. Die
Soldaten rannten durchs Dorf [S.33] und riefen in einem
fort: "Der Bauer schlägt, der Bauer schlägt!" Nach kurzer
Zeit sprengten drei Berittene mit gezückten Säbeln durchs
Dorf auf das Haus zu. Als das die drei Bauern durchs
Fenster sahen, merkten sie, dass es bös herauskommen
könnte und flüchteten sich. Die Russen ihnen nach.
Den einen Bauern erwischten sie bald. Einer der Russen
hieb ihn mit dem Säbelrücken auf den Kopf. Der Bauer hielt
einen Arm zum Schutze über den Kopf. Als der Russe von ihm
liess, war der Arm ganz blau. Wohl an den Folgen dieser
Schläge starb dieser starke Mann schon zwei Wochen
nachher.
Der zweite Bauer flüchtete in die Scheune, stieg immer
höher und höher auf den Garbenstock, bisunters Dach und
liess sich hinter dem Garbenstock hinunter. Sein Verfolger
aber war ihm dicht auf den Fersen. Da, wo er den Bauer
versteckt glaubte, stach er mit seinem langen Säbel
hinunter. Glücklicherweise traf er nicht. Später sagte der
Bauer: "Ich glaubte jeden Augenblick, der Säbel
durchsteche meinen Kopf." Doch von dem ausgestandenen
Schrecken wurde auch er krank und lebte nur noch zwei
Jahre.
Der dritte Bauer flüchtete hinten zum Hause hinaus, durch
die Gärten aufs Feld. Früher war jedes Stück Land von
einem hohen Lebhag [von Tieren bewohnte Hecke] umgeben.
Über jeden setzte er hinweg. Der ihn verfolgende Russe
lief ihm nach, bis er genug hatte. Dann kehrte er um. Der
Bauer aber sprang über jeden, noch so hohen Hag bis ins
Tal hinunter, bis er merkte, dass er nicht mehr verfolgt
wurde. Er erzählte später: "Kein Hag war mir zu hoch!" Er
allein kam mit dem Leben davon. [S.34]
Ein Ziefner in der grossen Armee Napoleons
[Ziefen (neben Reigoldswil): Die Napoleon-Diktatur zieht
die Männer von ganz Europa gegen Russland ein]
Der zweitletzte Kuhhirt von Ziefen hiess Gätteli und war
ein Heimatloser. Von ihm wird gesagt, dass die vielen
Jahre, während denen er Hirt war zu Ziefen,
zusammengezählt sieben Jahre Sonntag gemacht hätten.
An die grosse Armee, mit welcher Napoleon I. nach Russland
zog, hatte die Schweiz 18.000 Mann zu stellen. Die
Regierungen verteilten nun die zu stellende Mannschaft auf
die Orte. Ziefen hatte einen Mann zu stellen, aber woher
den nehmen? Freiwillig wollte niemand gehen, und durchs
Los entscheiden wollten die vornehmen Bürger nicht. So kam
der Gemeinderat auf den Einfall, durch grosse
Versprechungen und Wein den Gätteli ins Garn zu locken.
Wie er "ja" sagte, wurde er nicht mehr aus den Augen
gelassen und mit etwas Geld versehen, 1811 zu der grossen
Armee abgeliefert. Er kam nach Moskau und wieder zurück an
die Beresina [Nebenfluss des Dnjepr in Russland], wo er
durch Hunger und Kälte seinen Tod fand [der russische
Winter stoppt jede Armee gegen Russland]. [S.35]
Abstimmung anno 1831
[1831: Kantonstrennung in Ammel (Anwil, neben Rothenfluh)
mit Abstimmung - Spionage durch ein Loch in der Tür]
Anno Einedryssgi isch en-Abstimig gsi, wär by der Stadt
wöll blybe und wär's mit de-n-Insurgänte heig. In eusem
Hus z'Ammel hei si alli Mannevölcher in der vordere Stube
versammlet. E jede het eleigg müese ins Näbestübli goh und
dört sy Stimmcharte in es wysses oder in es schwarzis
Chischtli gheie. Will's der Gemeinrot aber wunder gnoh
het, wie die Manne stimme, het me-n-am Tag vorhär scho in
d'Chammertür es Loch bohret und d'Mueter het die ganzi Zyt
müese ufeme Schemeli obe stoh i dr Chuchi uss und zue däm
Loch yne luege, wie die Manne stimme. [S.35]
Gestörtes Taufefest
[Taufe in Känerkinden (Region Läufelfingen) - Revoluzzer
klauen alles Essen]
Zur Zeit der Dreissigerwirren sollte in Känerkinden ein Kind
getauft werden. Den Vorbereitungen nach hätte dieser Anlass
ein lustiges, fröhliches Familienfest werden können. Schon
vorher hatte der in Maisprach wohnende Götti ein Fässlein
roten Maispracherwein hergebracht, und während die
Gevatterschaft mit dem Täufling sich nach Rümlingen zur
Kirche begab, wurde ein währschaftes Taufeessen zugerüstet.
Im grossen Kochtopf sott ein mächtiger Hammen [Schinken mit
Schwarte].
Doch, ehe sich die Taufegesellschaft dieser Genüsse erfreuen
konnte, rückte aus dem Diegtertal eine Schar Revoluzzer
heran. Sie brachen ins Dorf ein und spürten bald heraus, wo
etwas zu finden war. So kamen sie auch in das festlich
zugerüstete Haus, räumten Schinken, Wein und Gebäck in den
Baumgarten hinaus und taten sich gütlich daran. [S.36]
Nach dem Gelterkindersturm
[1832 in Gelterkinden: Kantonstrennung und kleine
Bürgerkriege]
Anno Zweuedryssgi, wo d'Basler Stänzler [Fasnachtsclique] vo
Gälterchinde über d'Schofmatt uf Chiemberg entrunne sy,
sy-n-ene d'Baselbieter noh cho uf Ammel ue und hei vom
Neulige in d'Stross abe gschosse. Do het der olt
Rätschteler, wo z'Chiemberg uf der Mühli gsi isch, de Basler
der Wäg zeigt übere Chole. D'Baselbieter hei derfür
d'Ammeler ploget. Uf im Dorfplatz hei si es grosses Für
gmacht. Sie hei Späck und Brenz us de Hüsere gholt. S'Brenz
hei si übere Späck abe gheit, ass er besser brennt het und
hei-n-ihn ins Für gheit. Das hei si de-n-Ammeler z'leid to,
will si 's mit der Stadt gha hei. Das Fässli Pulver, wo ins
Sattlerbaschis Gibel in versteckt gsi isch, hei si aber nit
gfunde. [S.36]
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