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Sagen der Schweiz: Kanton Basel-Land

3. Siedlungen und Geschichte

Chambergraben (Läufelfingen) - Heidestadt (Höhlen über Bretzwil) - Rinolfingen bei Ettingen ist abgebrannt - Hellebarde in Ziefen - Rothenfluh+Wegenstetten mit Pestleichen - Plattenpass am Blauen mit Wirtshaus - Plattenpass am Blauen mit Abdrücken - Reinach geplündert 1630-1635 - Russen in Seltisberg um 1815 und ein Speck - 1 Mann aus Ziefen muss mit Napoleon gegen Russland ziehen - Abstimmung in Anwil zur Kantonsteilung 1831 - Revoluzzer - Abstimmung Kantonsteilung Gelterkinden

präsentiert von Michael Palomino (2023)

aus: Sagen aus Baselland. Lehrerverein Baselland - bearbeitet von Gustav Müller und Dr. Paul Suter - Verlag Landschäftler AG, Liestal 1938
(ohne Laufental, das kam erst 1994 zum Kanton Basel-Land).

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3. Siedlungen und Geschichte

Von alten Siedlungen und geschichtlichen Begebenheiten

Die Stadt im Chamber
[Region Läufelfingen (am Hauenstein): Zwischen Wittinsburg und Rümlingen liegt der Chambergraben - heute Tierfriedhof - früher eine Stadt]

Zwischen dem Bergdorf Wittinsburg und dem Talorte Rümlingen erstreckt sich am Rande der Hochfläche der Chambergraben, ein grösseres, waldreiches Gelände, das durch die beiden schluchtartigen Dorfbächlein im Norden und Süden begrenzt wird. Der Länge nach kann man ebenfalls zwei grabenartige Vertiefungen feststellen, die den Eindruck erwecken, es seien hier grössere künstliche Bodenbewegungen ausgeführt worden. Eine ebene Stelle einer dieser Hohlformen diente lange Jahre als Schindanger [Ort, wo tote Tiere gehäutet und verscharrt oder den Geiern überlassen wurden] (Wasenplatz [Wasen: nasser Rasen zur Entsorgung von Tierkadavern]).

Die Volkssage berichtet, im Chamber sei früher eine befestigte Stadt gestanden, die wahrscheinlich durch ein Erdbeben zerstört wurde. Hiefür sprächen die zahlreichen Felstrümmer, die überall herumliegen. Zu der Stadt gehörte auch ein Friedhof, von dem man vor einigen Jahren noch einige Gräber in der Nähe des Dorfes entdeckt haben will. Auch soll ein unterirdischer Gang vom Chamber nach Rümlingen geführt haben, wo er im Keller des Pfarrhauses an die Erdoberfläche mündete. [S.29]


D'Heidestadt
[Brätzbel (Bretzwil bei Reigoldswil) und ein paar Höhlen - Jesus-Fantasie-Christen vertreiben die UreinwohnerInnen in die Höhlen, statt von ihnen zu lernen]

Südlig vom Dorf Brätzbel, zwüsche-n-im Riedbärg und im Aletechopf stoht d'Heidestadt. Me gseht's däm Bärg a, ass er emol, villicht scho in grauer Vorzyt, abgschtürzt [S.29] isch. Es wird agnoh, er syg vorhär höcher gsi as der Riedbärg. Er isch au noh bis in die jüngeri Zyt unruehig gsi; mehreri mol sy noch chlyneri Teil abgrütscht. Obe-n-uf im Bärg het's tiefi Löcher und underirdischi Gäng gha; die sy aberjetz zum gröschte Teil ygfalle. Noh vor e paar Johrzähnte heig me ne Stei, wo me-n-in e Loch abe glo heig, noh lang gkört rolle. Der Schnee schmilzt hüte noh allewyl z'erscht an dene Stelle. Wie's im Volch heisst, syge sälbmol, wo s'Chrischtetum [mit em Fantasie-Jesus vom Gay-Vatykan] unter de Germane feschte Fuess gfasst heig, d'Heide [die Ureinwohner mit Mutter Erde] in die Höhlene gflüchtet und heige dört obe ihr Läbe gfrischtet. Noh andere-n-Ussage syge d'Heide vo Zyt zu Zyt dört ufe, um im Gheime ihre heidnische Sitte und Gibrüche z'fröhne [Rituale für Mutter Erde und die Sterne]. Us däm Grund heiss dät Bärg d'Heidestadt. [S.30]


Das verschwundene Dorf bei Ettingen
[Region Ettingen (am Blauen) und das Dorf Rinolfingen ist nicht mehr]

Unterhalb des Schlosses Fürstenstein lag vor vielen Jahren das Dorf Rinolfingen. Die Flur heisst heute noch "s'Rinolfingli". Das Dorf soll in einem Kriege verbrannt worden sein, denn alle Häuser bestanden nur aus Holz. [S.30]


Die alte Hellebarde
[Ziefen (neben Reigoldswil): Eine alte Kriegswaffe auf dem Boden einer Kirche - und der Knappe Spiess - die Hellebarde wird verkauft]

Auf dem Estrich der Ziefner [Jesus-Fantasie]-Kirche wurde lange Zeit eine alte Hellebarde aufbewahrt. Diese stammte nach der Sage aus der Schlacht von St. Jakob an der Birs [1444]. Einer aus dem Geschlechte der Spiess diente damals bei Henmann Sevogel als Knappe [Diener auf Feldzügen]. Während zehn andere Ziefner und ein Arboldswiler tot auf dem Schlachtfelde verblieben, kehrte Spiess wieder heim. Als Anerkennung für seine Dienste wurde er nachher mit [S.30] dem Amte des [Jesus-Fantasie]-Sigrists betraut. - Die Hellebarde aber wurde von einem unrühmlichen Nachfahren von Spiess vor ein paar Jahrzehnten um weniges Geld einem Trödler verkauft. [S.31]


Warum die Wegenstetter in der Engstigen ein Vaterunser beten
[Fricktal (Kanton Aargau) mit Wegenstetten und Rothenfluh im Kanton Basel-Land - Grabstätte mit Pestleichen und ein Gebet]

Die Fricktaler waren mit den Baselbietern von jeher gut befreundet. Ein besonders freundnachbarliches Verhältnis bestand zwischen den Wegenstettern und Rothenflühern, wozu der gegenseitige Grenzschmuggel viel beigetragen haben mag.

Einst forderte die Pest in beiden Dörfern zahlreiche Opfer. Man einigte sich - aus welchem Grunde weiss man heute nicht mehr - die Pestleichen in der Engstigen, unterhalb der Sägemühle, an der alten Strasse nach Ormalingen zu bestatten. Dies geschah. Kam nun in früheren Jahren ein Wegenstetter an jenem Begräbnisplatz vorbei, entblösste er sein Haupt und sprach still für seine Vorfahren ein Vaterunser. [S.31]


Das Plattenwirtshaus
[Von Basel nach Laufen über den Blauen - auf der Passhöhe "Platte" steht ein Wirtshaus - das wird zur Räuberhöhle]

Ein alter Verbindungsweg des Laufentales mit Basel querte den Blauenberg bei der Passlücke der sogen. Platte, wo heute die basellandschaftlichen Gemeindebänne Ettingen und Pfeffingen mit den bernischen Bännen Blauen und Nenzlingen zusammenstossen.

Dort stand früher zur Erquickung und Beherbergung der Wanderer, die vom Birstal ins Birsigtal zogen, ein Wirtshaus. Mit der Zeit wurde diese Gaststätte aber zu einer wahren Räuberhöhle. Die Reisenden wurden [S.31] überfallen und ausgeraubt. Viele Wanderer verschwanden spurlos.

Die Grossmutter aus jenem verrufenen Hause wurde von Gewissensbissen gequält und erzählte ihrem Beichtvater die Mordtaten, von denen sie Zeuge gewesen. Der Priester hinterbrachte das Geständnis dem [Jesus-Fantasie]-Bischof, worauf dieser das Wirtshaus niederreissen liess. [S.32]


Das Plattenkreuz
[Von Basel nach Laufen über den Blauen - auf der Passhöhe "Platte" wurde ein Metzger überfallen - Gegenwehr mit Abdrücken im Fels]

Das Plattenkreuz steht auf einem Felsen, auf welchem man verschiedene Eindrücke sieht, die von Menschen-, Hunds- und Kalbsfüssen herrühren sollen. Die Sage erzählt, es sei einst ein Metzger aus dem Laufental in später Nacht über die Platte gekommen. Er führte ein Kalb und einen Hund bei sich. An der Stelle, wo heute das Kreuz steht, sei er von Räubern überfallen und getötet worden. Die Eindrücke im Felsen rühren von seiner und seiner Tiere starken Gegenwehr her. [S.32]


Reinach im 30jährigen Kriege
[Reinach, Kanton Basel-Land: Plünderungen bis auf ein Haus]

Im Schwedenkriege [1630-1635] wurde auch Reinach von plündernden Soldaten heimgesucht. Alle Häuser wurden ausgeplündert bis an eines, in welchem ein kleines Wiegenkind lag, das von den flüchtenden Eltern wohl vergessen worden war. [S.32]



Die Russen in Seltisberg
[Basel und Liestal: Die Koalitionstruppen gegen Napoleon machen eine Pause in Basel und bei Liestal in St. Pantaleon und Seltisberg - russische Soldaten streiten um einen Rest Speck]

Es war zur Zeit, als die Heere der Verbündeten durch Basel nach Frankreich zogen, um den Kaiser Napoleon zu demütigen. Die Soldaten mussten einquartiert und verproviantiert werden. Das konnte die Stadt Basel nicht allein bewältigen. Nun zog einer der Offiziere [S.32] die Landkarte hervor und forschte darin, wo er seine Soldaten unterbringen könnte. Da las er den Namen St. Pantaleon. Er brach nun unverzüglich mit seinen Soldaten auf nach dieser vermeintlichen Stadt. Als er aber über Schauenburg kam, sah er vor sich ein kleines armes Nestchen. Was sollte er mit seinen hungrigen und müden Soldaten anfangen? Sie mussten sich alle auf die kleinen umliegenden Dörfer verteilen.

So kam auch ein Trupp Russen nach Seltisberg. Dass so ein grosser Feldzug die im Grunde gutmütigen Russen nicht feiner machte, kann man wohl begreifen; mussten sie doch alles, Frau und Kinder, Haus, Land und Vieh zurücklassen und in die Fremde ziehen, um vielleicht nie wiederzukehren.

Da wurden auch in einem Seltisberger Bauernhause einige Russen einquartiert. Zum Mittagessen hatten sie Suppe und Speck. Vom Speck liessen sie noch übrig und gingen aus dem Haus. Als sie fort waren, setzten sich die Bauersleute an den Tisch und assen den übrig gebliebenen Speck. Am Abend kehrten die Soldaten zurück und verlangten den Speck. Aber der war nicht mehr vorhanden. Die Leute konnten lange sagen, sie hätten ihn vergessen. Die Russen verstanden sie wohl nicht recht und verlangten, immer wilder werdend, den Speck.

Zu der betreffenden Haushaltung gehörten drei grosse, starke Männer. Der eine von ihnen trat nun in die Stube und rief mit Donnerstimme, indem er auf den Tisch hieb: "Was wei die Donnere?" Dann nah er einen festen Munifisel zur Hand und jagte die Russen zur Stube hinaus. Die Soldaten rannten durchs Dorf [S.33] und riefen in einem fort: "Der Bauer schlägt, der Bauer schlägt!" Nach kurzer Zeit sprengten drei Berittene mit gezückten Säbeln durchs Dorf auf das Haus zu. Als das die drei Bauern durchs Fenster sahen, merkten sie, dass es bös herauskommen könnte und flüchteten sich. Die Russen ihnen nach.

Den einen Bauern erwischten sie bald. Einer der Russen hieb ihn mit dem Säbelrücken auf den Kopf. Der Bauer hielt einen Arm zum Schutze über den Kopf. Als der Russe von ihm liess, war der Arm ganz blau. Wohl an den Folgen dieser Schläge starb dieser starke Mann schon zwei Wochen nachher.

Der zweite Bauer flüchtete in die Scheune, stieg immer höher und höher auf den Garbenstock, bisunters Dach und liess sich hinter dem Garbenstock hinunter. Sein Verfolger aber war ihm dicht auf den Fersen. Da, wo er den Bauer versteckt glaubte, stach er mit seinem langen Säbel hinunter. Glücklicherweise traf er nicht. Später sagte der Bauer: "Ich glaubte jeden Augenblick, der Säbel durchsteche meinen Kopf." Doch von dem ausgestandenen Schrecken wurde auch er krank und lebte nur noch zwei Jahre.

Der dritte Bauer flüchtete hinten zum Hause hinaus, durch die Gärten aufs Feld. Früher war jedes Stück Land von einem hohen Lebhag [von Tieren bewohnte Hecke] umgeben. Über jeden setzte er hinweg. Der ihn verfolgende Russe lief ihm nach, bis er genug hatte. Dann kehrte er um. Der Bauer aber sprang über jeden, noch so hohen Hag bis ins Tal hinunter, bis er merkte, dass er nicht mehr verfolgt wurde. Er erzählte später: "Kein Hag war mir zu hoch!" Er allein kam mit dem Leben davon. [S.34]


Ein Ziefner in der grossen Armee Napoleons
[Ziefen (neben Reigoldswil): Die Napoleon-Diktatur zieht die Männer von ganz Europa gegen Russland ein]

Der zweitletzte Kuhhirt von Ziefen hiess Gätteli und war ein Heimatloser. Von ihm wird gesagt, dass die vielen Jahre, während denen er Hirt war zu Ziefen, zusammengezählt sieben Jahre Sonntag gemacht hätten.

An die grosse Armee, mit welcher Napoleon I. nach Russland zog, hatte die Schweiz 18.000 Mann zu stellen. Die Regierungen verteilten nun die zu stellende Mannschaft auf die Orte. Ziefen hatte einen Mann zu stellen, aber woher den nehmen? Freiwillig wollte niemand gehen, und durchs Los entscheiden wollten die vornehmen Bürger nicht. So kam der Gemeinderat auf den Einfall, durch grosse Versprechungen und Wein den Gätteli ins Garn zu locken. Wie er "ja" sagte, wurde er nicht mehr aus den Augen gelassen und mit etwas Geld versehen, 1811 zu der grossen Armee abgeliefert. Er kam nach Moskau und wieder zurück an die Beresina [Nebenfluss des Dnjepr in Russland], wo er durch Hunger und Kälte seinen Tod fand [der russische Winter stoppt jede Armee gegen Russland]. [S.35]


Abstimmung anno 1831
[1831: Kantonstrennung in Ammel (Anwil, neben Rothenfluh) mit Abstimmung - Spionage durch ein Loch in der Tür]

Anno Einedryssgi isch en-Abstimig gsi, wär by der Stadt wöll blybe und wär's mit de-n-Insurgänte heig. In eusem Hus z'Ammel hei si alli Mannevölcher in der vordere Stube versammlet. E jede het eleigg müese ins Näbestübli goh und dört sy Stimmcharte in es wysses oder in es schwarzis Chischtli gheie. Will's der Gemeinrot aber wunder gnoh het, wie die Manne stimme, het me-n-am Tag vorhär scho in d'Chammertür es Loch bohret und d'Mueter het die ganzi Zyt müese ufeme Schemeli obe stoh i dr Chuchi uss und zue däm Loch yne luege, wie die Manne stimme. [S.35]


Gestörtes Taufefest
[Taufe in Känerkinden (Region Läufelfingen) - Revoluzzer klauen alles Essen]

Zur Zeit der Dreissigerwirren sollte in Känerkinden ein Kind getauft werden. Den Vorbereitungen nach hätte dieser Anlass ein lustiges, fröhliches Familienfest werden können. Schon vorher hatte der in Maisprach wohnende Götti ein Fässlein roten Maispracherwein hergebracht, und während die Gevatterschaft mit dem Täufling sich nach Rümlingen zur Kirche begab, wurde ein währschaftes Taufeessen zugerüstet. Im grossen Kochtopf sott ein mächtiger Hammen [Schinken mit Schwarte].

Doch, ehe sich die Taufegesellschaft dieser Genüsse erfreuen konnte, rückte aus dem Diegtertal eine Schar Revoluzzer heran. Sie brachen ins Dorf ein und spürten bald heraus, wo etwas zu finden war. So kamen sie auch in das festlich zugerüstete Haus, räumten Schinken, Wein und Gebäck in den Baumgarten hinaus und taten sich gütlich daran. [S.36]


Nach dem Gelterkindersturm
[1832 in Gelterkinden: Kantonstrennung und kleine Bürgerkriege]

Anno Zweuedryssgi, wo d'Basler Stänzler [Fasnachtsclique] vo Gälterchinde über d'Schofmatt uf Chiemberg entrunne sy, sy-n-ene d'Baselbieter noh cho uf Ammel ue und hei vom Neulige in d'Stross abe gschosse. Do het der olt Rätschteler, wo z'Chiemberg uf der Mühli gsi isch, de Basler der Wäg zeigt übere Chole. D'Baselbieter hei derfür d'Ammeler ploget. Uf im Dorfplatz hei si es grosses Für gmacht. Sie hei Späck und Brenz us de Hüsere gholt. S'Brenz hei si übere Späck abe gheit, ass er besser brennt het und hei-n-ihn ins Für gheit. Das hei si de-n-Ammeler z'leid to, will si 's mit der Stadt gha hei. Das Fässli Pulver, wo ins Sattlerbaschis Gibel in versteckt gsi isch, hei si aber nit gfunde. [S.36]

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Quellen


Fotoquellen


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