7. Von
Banngrenzen, Holz- und anderem Frevel
Grenzstreitigkeiten
Von der Grenze bei Maisprach
[Maisprach (Region Rheinfelden): Wie der Sonnenberg an den
Kanton Aargau verloren ging: durch einen Schreibfehler im
Protokoll]
Nördlich von Maisprach weicht die Kantonsgrenze etwas von
der Wasserscheide ab, sodass der kleine Sonnenberg heute
ganz in den Kanton Aargau zu liegen kommt. Das war früher
nicht so. Die Sage geht, dass zu einer Zeit, als die
Grenzen besser ausgemacht werden sollten, ein
Gemeindebeamter im Protokoll gelesen habe, die Grenze
laufe vom Sonnenberg "gerade fort" anstatt "dem Grate
fort" und so sei der Bann um den Besitz des halben kleinen
Sonnenberges gekommen [der kleine Sonnenberg ging
verloren].
Andere wollen wissen, ein Dorfmagnat von Maisprach habe,
um seine Schulden zu tilgen, das genannte Gelände an
Oesterreich verkauft. Seither müsse er aber den Berg noch
immer auf einem Schimmelchen umreiten. [S.71]
- Der Erzähler, in den Sechziger Jahren Lehrer in
Maisprach, fügt bei, dass an der Sache etwas sei, denn
quer über die Zeininger-Egg, in der Richtung der
besprochenen ersten Grenzlinie, laufe ein alter Lebhag
[von Tieren bewohnte Hecke], der "Bannhag" [Grenzzaun]
genannt werde. [S.72]
Die verschänkte Holde
[Anwil (Ammel, Region Tecknau): Abgelegene Höfe wurden an
Wittnau verschenkt]
[Die Höfe] D'Summer- und d'Roddelholde hei früeher au de-n
Ammeler ghört. Will [weil] aber d'Ammeler mit im [mit dem]
Holz, wo sie abgmacht [geschlagen] hei, eso ne
grosse-n-Umwäg hei müese mache-n-über Wittnau und
Chiemberg [Kienberg], so hei si die schöne Holde [Höfe]
gar nit bsunders gschetzt. Der Gmeinrot het se de
Wittnauer [im Kanton Aargau] verschänkt für es Nachtässe
mit Surchrut und Späck. [S.72]
Die Böcktener verlieren eine schöne Waldung
[Zwischen Sissach und Böckten (Buckten): Eine Talebene
ging an Sissach - für 2 Liter Schnaps]
Die schöne ebene Waldung zwischen Böckten und Sissach auf
der "Riesiebene" hat früher den Böcktern gehört. Die
Sissacher haben sie aber ganz billig gekauft - nämlich um
einen Doppelliter Kirschwasser, das die Böcktener
Gemeinderäte für sich gefordert hatten. [S.72]
Unrichtiger Grenzverlauf
[Zwischen Kienberg und Oltingen (Region Tecknau): Ein
Grenzstein fiel an der falschen Stelle vom Wagen]
Auf der "Höche Rüti" fällt die Grenzlinie zwischen
Kienberg und Oltingen nicht mit der Wasserscheide zusammen
wie an andern Orten, sondern verläuft quer durch die
Halde, welche gegen Oltingen abfällt. Die Schuld daran
trägt ein Fuhrmann. Als er den Markstein die steile Halde
hinaufführen musste, fiel ihm dieser, noch bevor er die
Anhöhe erreicht hatte, vom Wagen. Der Fuhrmann hielt es
nicht der Mühe wert, den [S.72] schweren Stein wieder
aufzuladen, und liess ihn liegen. Nachher wurde er von den
Gescheidsmännern [von den Justizangestellten] an jener
Stelle gesetzt, wo man ihn liegend gefunden hatte. [S.73]
Die Grenze zwischen Ziefen und Seewen
[Die Region "Gauset" zwischen Ziefen und Seewen (Region
Reigoldswil): Grenzsteine werden heimlich versetzt]
Die Grenze am Gauset zwischen Ziefen und Seewen war
umstritten. die Vertreter der beiden Gemeinden traten zu
Unterhandlungen zusammen und einigten sich über die
Standorte der zu setzenden Steine. Diese wurden an Ort und
Stelle verbracht. Nach diesem gütlichen Vergleich luden
die Seewener die Ziefner zu einem gemeinsamen Trunke in
einem Seewener Gasthause ein. Während nun dort die
Grenzbereinigung gebührend gefeiert und dabei tapfer
gezecht wurde, schafften einige Seewener die Steine von
den vereinbarten Plätzen weg und verrückten dadurch die
Grenze gegen die Ziefener Seite, allwo die Steine nachher
gesetzt wurden. Zu spät merkten die Ziefener, dass sie bei
diesem Handel übervorteilt und betrogen worden waren. Ihre
nachträglichen Beschwerden hatten keinen Erfolg mehr.
[S.73]
Der Wanne-Hämmig
[Langenbruck (beim Oberen Hauenstein): Ein Senn des
Alphofs "Wanne" soll einen Grenzstein verschoben haben -
seit seinem Tod ruft sein Geist vor Regen und Unwettern
immer von der Wannenfluh]
Früher lief die Grenze zwischen den beiden Ständen Basel
und Solothurn bei Langenbruck über die Wannenfluh zum
Lochhaus hinunter. Heute ist die Höhe des Berges samt der
Fluh solothurnisch. Bei dieser Änderung soll ein Senn des
Alphofes Wanne beteiligt gewesen sein, indem er den
Bannstein auf die Basler Seite gerückt habe. Doch blieb
seine sündige Tat nicht ungerächt; denn wie andere
Grenzfrevler muss der Wanne-Hämmig nach dem Tode umgehen
und sein Unrecht [S.73] in jämmerlichen Tönen beklagen.
Schaurig tönt es dann von der Wannenfluh her, dass es den
Langenbruckern kalt über den Rücken läuft. Bald darauf
pflegen sich gewöhnlich Regen und Unwetter einzustellen.
[S.74]
D'Nünenünzger
[Therwil und Reinach: Therwil verschiebt Grenzsteine mit 100
Eseln - es blieben 99]
Früher folgte die Grenze zwischen den Bännen Therwil und
Reinach der Wasserscheide. Da die Therwiler ihren Wald zu
klein fanden, zogen sie mit 100 Eseln aus und schleiften die
Bannsteine gegen Reinach. Dabei stand ein Esel um [starb],
und es waren deren nur mehr 99. Seitdem nennt man die
Therwiler "Neunundneunziger" oder "Marchsteinschleifer".
Wenn man um Mitternacht über das Käppeli geht, kann man noch
das Rasseln der Ketten hören. [S.74]
Büssender Förster
[Zunzgen (neben Sissach): In der Nacht wandelt ein Förster
in der Zunzgerhard]
Die Zunzgerhard war ehemals Basler Staatswald. Ein Basler
Förster, der ein Unrecht begangen hatte, muss zur Sühne in
der Hard umgehen. Hofbesitzer in der Nähe des Waldes, wie
auch die Nachtwächter der Ziegelhütte, die früher dort oben
stand, haben den Förster oftmals gesehen, wenn er
hergeritten kam. Erst war er ein winziges Männchen, dann
wuchs er beim Näherkommen ganz unheimlich an bis zu
Tannengrösse. [S.74]
Einsetzung eines Gescheidsmannes [Grenzrichter]
[Die Betrüger mit Grenzsteinen werden nach dem Tod zu
Geistern oder Irrlichtern - Beispiel Ziefen: Das Gericht
(mhd.: "Gescheid") für Grenz- und Feldstreitigkeiten]
Viele Sagen und Spukgeschichten berichten uns, wie
Grenzfrevler nach ihrem Tode als feurige Männer oder als
unstete Irrlichter den Grenzen nachgehen müssten [S.74]. Wie
sehr dieser Glaube im Volksdenken verwurzelt ist zeigt
folgende Zeremonie, von der Joh. Rippas in seiner
handschriftlichen Heimatkunde von Ziefen berichtet.
"Noch anfangs des 19. Jahrhunderts war es üblich, einen
Gescheidsmann [Grenzrichter] mit einer feierlichen Zeremonie
in sein Amt einzusetzen.
Das ganze Gescheid [Behörde für die Grenzziehung] in langen
schwarzen Mänteln und breiten schwarzen Filzhüten, sowie
eine grosse Zahl Bürger beteiligten sich an der
Veranstaltung. Von letzteren trug jeder ein Bündel Stroh mit
sich. Nicht weit vom Tätschenbrünnli wurde vom Stroh auf
einer Anhöhe ein grosser Strohmann gebaut, den man
anzündete. Nun wurde das neue Gescheidsmitglied mit
feierlicher Rede eingesetzt und ihm ans Herz gelegt, ohne
Ansehen der Person nur nach Recht und Gewissen zu handeln.
Begehe er Ungerechtigkeiten, so möge er nach seinem Tode
brennen wie dieser Strohmann und unstet umherirren wie ein
Irrlicht, bis er seine Sünden gesühnt habe." [S.75]
Die ruhelosen Gescheidsmänner
[Liedertswil (neben Reigoldswil): Der Geist von 3
Grenzrichtern geistert im Kohlholz herum]
Im Kohlholz unterhalb Liedertswil erscheinen zu gewissen
Zeiten drei Männer in altertümlicher Tracht, die einer
Grenze nachgehen und sich hie und da etwas am Boden zu
schaffen machen. Man hört auch ein Gemurmel, das in lautes
Disputieren und Streiten ausartet. Nach der Sage soll es ein
altes Gescheid [Grenzgericht] sein, das an jener Stelle
einmal eine ungerechte Grenzveränderung vorgenommen habe und
dafür abbüssen müsse. [S.75]
Spukende Gescheidsleute
[Maisprach (Region Rheinfelden): Der Geist von kriminellen
Grenzrichtern wandelt umher]
Ungetreue Gescheidsleute [Grenzrichter] in Maisprach mussten
ihr begangenes Unrecht durch Wandeln büssen, besonders in
der Gegend des Mettenholzes. Ein Mann spürte dort einmal,
dass er von einem solchen Geist verfolgt würde. Als er
endlich Buus erreichte, lief der Schweiss an ihm herunter,
so sehr hatte ihn die Last gedrückt. Man glaubt, dass
Geister, die einem so anhängen, gerne erlöst wären. [S.76]
E Gränzsteiversetzig in Brätzbel
[Bretzwil (neben Reigoldswil): Der Geist des Vaters befiehlt
dem Sohn, einen Grenzstein zurückzuversetzen]
Er wüss es ganz ginau, wär's gsi syg, het der Steffehans
gseit. Dä Ma syg scho ne Rung gstorbe gsi, do syg er einisch
z'nacht sym Suhn [Sohn] erschiene, heig ihm dütet, er sell
mit ihm cho. Er syg vorewägg gange zum Gschirhüsli und heig
im Suhn gseit, was für Gschir er sell neh. Dernoh syge si
mitenander ufs Land zum e Marchstei. Do heig der Vater
bifohle, er sell dä Marchstei usgrabe und öppe-n-anderthalbe
Meter wyter abe setze, denn er syg albe dört gstande und er
heig ihm die Stell ginau zeigt. Wo der Suhn das gmacht gha
het, heig er der Vater niene meh gseh. [S.76]
Wasserklau
Die ruhelosen Wässermannen
[Känerkinden (Region Läufelfingen): Wasserklau bei der
Bewässerung von Feldern - und weisse Geister tanzen im
Mondschein]
Auf dem hügeligen Gelände unterhalb des Dörfleins
Känerkinden wuchs früher nur spärliches Gras. Da fing man
an, den sogenannten Bergbach auf diese Wiesen zu leiten und
zu wässern. Seitdem wurde das Land merklich fruchtbarer.
Damit alle Landeigentümer in gleicher Weise ihr Wasser
bekamen, wurde es verteilt [S.76], sodass jeder eine
bestimmte Zeit des Tages das Wasser auf sein Grundstück
leiten durfte. Es kam aber öfters vor, dass in trockenen
Sommern das Wasser gestohlen, das heisst, auf andere
Grundstücke geleitet wurde, zum grossen Schaden einzelner
Landeigentümer.
Viele Jahre nachher sah man in hellen Mondnächten auf diesen
Wiesen schneeweisse Wässermannen, die lautlos über das
Gelände huschten. Alte Leute erzählen, diese irrenden
Geister seien sogar sehr bösartig, denn es sei ihnen einmal
ein einsamer Wanderer zum Opfer gefallen. Die Leiche des
Ermordeten sei von den wuchtigen Hieben der weissen Männer
ganz blau und grün gewesen. Seitdem wird diese verrufene
Örtlichkeit des Nachts von den Anwohnern nach Möglichkeit
gemieden. [S.77]
Der unheimliche Wandergefährte
[Zwischen Buss und Maisprach (Region Rheinfelden): Ein
Geistermann mit einem Beil provoziert Krankheiten - er soll
mal ein Wasserräuber gewesen sein]
Als einst eine Frau nachts von Buus nach Maisprach wanderte,
gesellte sich plötzlich ein Mann zu ihr, der eine glühende
Haue [Beil] auf der Schulter trug und eine Strecke weit
stumm neben ihr her schritt.
Die Frau erkrankte nachher wegen des ausgestandenen
Schreckens so heftig, dass sie längere Zeit das Bett hüten
musste.
Es wurde vermutet, der geisterhafte Wanderer sei zu seinen
Lebzeiten ein leidenschaftlicher Wässerer gewesen, der
seinen Nachbarn das Wasser abgegraben habe und dafür nach
dem Tode sein Unrecht büssen musste. [S.77]
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