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Sagen der Schweiz: Kanton Basel-Land

7. Von Banngrenzen, Holz- und anderem Frevel

Grenzstreitigkeiten, Holzklau und Wasserklau

Sonnenberg geht wegen Schreibfehler im Protokoll verloren (Maisprach) - abgelegene Höfe werden verschenkt (Wittnau) - Böcktener Gemeinderat verschenkt einen Wald an Sissach - ein Grenzstein fällt vom Wagen (Kienberg+Oltingen) - Grenzsteine werden heimlich versetzt (Ziefen+Seewen) - ein Senn soll einen Grenzstein verschoben haben (Langenbruck) - Therwil verschiebt Grenzsteine mit 100 Eseln gegen Reinach, bleiben 99 Esel - 1 Geist in der Zunzgerhard (Zunzgen) - Grenzbetrüger werden Geister, die keine Ruhe finden (generell) - der Geist von 3 Grenzrichtern (Liedertswil) - ebenso (Maisprach) - Grenzstein wird zurückversetzt (Bretzwil) - Wasserklau bei der Bewässerung + weisse Geister tanzen (Känerkinden) - ein Wasserräuber muss als Geist wandeln

präsentiert von Michael Palomino (2023)

aus: Sagen aus Baselland. Lehrerverein Baselland - bearbeitet von Gustav Müller und Dr. Paul Suter - Verlag Landschäftler AG, Liestal 1938
(ohne Laufental, das kam erst 1994 zum Kanton Basel-Land).

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7. Von Banngrenzen, Holz- und anderem Frevel

Grenzstreitigkeiten

Von der Grenze bei Maisprach
[Maisprach (Region Rheinfelden): Wie der Sonnenberg an den Kanton Aargau verloren ging: durch einen Schreibfehler im Protokoll]

Nördlich von Maisprach weicht die Kantonsgrenze etwas von der Wasserscheide ab, sodass der kleine Sonnenberg heute ganz in den Kanton Aargau zu liegen kommt. Das war früher nicht so. Die Sage geht, dass zu einer Zeit, als die Grenzen besser ausgemacht werden sollten, ein Gemeindebeamter im Protokoll gelesen habe, die Grenze laufe vom Sonnenberg "gerade fort" anstatt "dem Grate fort" und so sei der Bann um den Besitz des halben kleinen Sonnenberges gekommen [der kleine Sonnenberg ging verloren].

Andere wollen wissen, ein Dorfmagnat von Maisprach habe, um seine Schulden zu tilgen, das genannte Gelände an Oesterreich verkauft. Seither müsse er aber den Berg noch immer auf einem Schimmelchen umreiten. [S.71]

- Der Erzähler, in den Sechziger Jahren Lehrer in Maisprach, fügt bei, dass an der Sache etwas sei, denn quer über die Zeininger-Egg, in der Richtung der besprochenen ersten Grenzlinie, laufe ein alter Lebhag [von Tieren bewohnte Hecke], der "Bannhag" [Grenzzaun] genannt werde. [S.72]


Die verschänkte Holde
[Anwil (Ammel, Region Tecknau): Abgelegene Höfe wurden an Wittnau verschenkt]

[Die Höfe] D'Summer- und d'Roddelholde hei früeher au de-n Ammeler ghört. Will [weil] aber d'Ammeler mit im [mit dem] Holz, wo sie abgmacht [geschlagen] hei, eso ne grosse-n-Umwäg hei müese mache-n-über Wittnau und Chiemberg [Kienberg], so hei si die schöne Holde [Höfe] gar nit bsunders gschetzt. Der Gmeinrot het se de Wittnauer [im Kanton Aargau] verschänkt für es Nachtässe mit Surchrut und Späck. [S.72]


Die Böcktener verlieren eine schöne Waldung
[Zwischen Sissach und Böckten (Buckten): Eine Talebene ging an Sissach - für 2 Liter Schnaps]

Die schöne ebene Waldung zwischen Böckten und Sissach auf der "Riesiebene" hat früher den Böcktern gehört. Die Sissacher haben sie aber ganz billig gekauft - nämlich um einen Doppelliter Kirschwasser, das die Böcktener Gemeinderäte für sich gefordert hatten. [S.72]


Unrichtiger Grenzverlauf
[Zwischen Kienberg und Oltingen (Region Tecknau): Ein Grenzstein fiel an der falschen Stelle vom Wagen]

Auf der "Höche Rüti" fällt die Grenzlinie zwischen Kienberg und Oltingen nicht mit der Wasserscheide zusammen wie an andern Orten, sondern verläuft quer durch die Halde, welche gegen Oltingen abfällt. Die Schuld daran trägt ein Fuhrmann. Als er den Markstein die steile Halde hinaufführen musste, fiel ihm dieser, noch bevor er die Anhöhe erreicht hatte, vom Wagen. Der Fuhrmann hielt es nicht der Mühe wert, den [S.72] schweren Stein wieder aufzuladen, und liess ihn liegen. Nachher wurde er von den Gescheidsmännern [von den Justizangestellten] an jener Stelle gesetzt, wo man ihn liegend gefunden hatte. [S.73]


Die Grenze zwischen Ziefen und Seewen
[Die Region "Gauset" zwischen Ziefen und Seewen (Region Reigoldswil): Grenzsteine werden heimlich versetzt]

Die Grenze am Gauset zwischen Ziefen und Seewen war umstritten. die Vertreter der beiden Gemeinden traten zu Unterhandlungen zusammen und einigten sich über die Standorte der zu setzenden Steine. Diese wurden an Ort und Stelle verbracht. Nach diesem gütlichen Vergleich luden die Seewener die Ziefner zu einem gemeinsamen Trunke in einem Seewener Gasthause ein. Während nun dort die Grenzbereinigung gebührend gefeiert und dabei tapfer gezecht wurde, schafften einige Seewener die Steine von den vereinbarten Plätzen weg und verrückten dadurch die Grenze gegen die Ziefener Seite, allwo die Steine nachher gesetzt wurden. Zu spät merkten die Ziefener, dass sie bei diesem Handel übervorteilt und betrogen worden waren. Ihre nachträglichen Beschwerden hatten keinen Erfolg mehr. [S.73]


Der Wanne-Hämmig
[Langenbruck (beim Oberen Hauenstein): Ein Senn des Alphofs "Wanne" soll einen Grenzstein verschoben haben - seit seinem Tod ruft sein Geist vor Regen und Unwettern immer von der Wannenfluh]

Früher lief die Grenze zwischen den beiden Ständen Basel und Solothurn bei Langenbruck über die Wannenfluh zum Lochhaus hinunter. Heute ist die Höhe des Berges samt der Fluh solothurnisch. Bei dieser Änderung soll ein Senn des Alphofes Wanne beteiligt gewesen sein, indem er den Bannstein auf die Basler Seite gerückt habe. Doch blieb seine sündige Tat nicht ungerächt; denn wie andere Grenzfrevler muss der Wanne-Hämmig nach dem Tode umgehen und sein Unrecht [S.73] in jämmerlichen Tönen beklagen. Schaurig tönt es dann von der Wannenfluh her, dass es den Langenbruckern kalt über den Rücken läuft. Bald darauf pflegen sich gewöhnlich Regen und Unwetter einzustellen. [S.74]



D'Nünenünzger
[Therwil und Reinach: Therwil verschiebt Grenzsteine mit 100 Eseln - es blieben 99]

Früher folgte die Grenze zwischen den Bännen Therwil und Reinach der Wasserscheide. Da die Therwiler ihren Wald zu klein fanden, zogen sie mit 100 Eseln aus und schleiften die Bannsteine gegen Reinach. Dabei stand ein Esel um [starb], und es waren deren nur mehr 99. Seitdem nennt man die Therwiler "Neunundneunziger" oder "Marchsteinschleifer". Wenn man um Mitternacht über das Käppeli geht, kann man noch das Rasseln der Ketten hören. [S.74]


Büssender Förster
[Zunzgen (neben Sissach): In der Nacht wandelt ein Förster in der Zunzgerhard]

Die Zunzgerhard war ehemals Basler Staatswald. Ein Basler Förster, der ein Unrecht begangen hatte, muss zur Sühne in der Hard umgehen. Hofbesitzer in der Nähe des Waldes, wie auch die Nachtwächter der Ziegelhütte, die früher dort oben stand, haben den Förster oftmals gesehen, wenn er hergeritten kam. Erst war er ein winziges Männchen, dann wuchs er beim Näherkommen ganz unheimlich an bis zu Tannengrösse. [S.74]


Einsetzung eines Gescheidsmannes [Grenzrichter]
[Die Betrüger mit Grenzsteinen werden nach dem Tod zu Geistern oder Irrlichtern - Beispiel Ziefen: Das Gericht (mhd.: "Gescheid") für Grenz- und Feldstreitigkeiten]

Viele Sagen und Spukgeschichten berichten uns, wie Grenzfrevler nach ihrem Tode als feurige Männer oder als unstete Irrlichter den Grenzen nachgehen müssten [S.74]. Wie sehr dieser Glaube im Volksdenken verwurzelt ist zeigt folgende Zeremonie, von der Joh. Rippas in seiner handschriftlichen Heimatkunde von Ziefen berichtet.

"Noch anfangs des 19. Jahrhunderts war es üblich, einen Gescheidsmann [Grenzrichter] mit einer feierlichen Zeremonie in sein Amt einzusetzen.

Das ganze Gescheid [Behörde für die Grenzziehung] in langen schwarzen Mänteln und breiten schwarzen Filzhüten, sowie eine grosse Zahl Bürger beteiligten sich an der Veranstaltung. Von letzteren trug jeder ein Bündel Stroh mit sich. Nicht weit vom Tätschenbrünnli wurde vom Stroh auf einer Anhöhe ein grosser Strohmann gebaut, den man anzündete. Nun wurde das neue Gescheidsmitglied mit feierlicher Rede eingesetzt und ihm ans Herz gelegt, ohne Ansehen der Person nur nach Recht und Gewissen zu handeln. Begehe er Ungerechtigkeiten, so möge er nach seinem Tode brennen wie dieser Strohmann und unstet umherirren wie ein Irrlicht, bis er seine Sünden gesühnt habe." [S.75]


Die ruhelosen Gescheidsmänner
[Liedertswil (neben Reigoldswil): Der Geist von 3 Grenzrichtern geistert im Kohlholz herum]

Im Kohlholz unterhalb Liedertswil erscheinen zu gewissen Zeiten drei Männer in altertümlicher Tracht, die einer Grenze nachgehen und sich hie und da etwas am Boden zu schaffen machen. Man hört auch ein Gemurmel, das in lautes Disputieren und Streiten ausartet. Nach der Sage soll es ein altes Gescheid [Grenzgericht] sein, das an jener Stelle einmal eine ungerechte Grenzveränderung vorgenommen habe und dafür abbüssen müsse. [S.75]


Spukende Gescheidsleute
[Maisprach (Region Rheinfelden): Der Geist von kriminellen Grenzrichtern wandelt umher]

Ungetreue Gescheidsleute [Grenzrichter] in Maisprach mussten ihr begangenes Unrecht durch Wandeln büssen, besonders in der Gegend des Mettenholzes. Ein Mann spürte dort einmal, dass er von einem solchen Geist verfolgt würde. Als er endlich Buus erreichte, lief der Schweiss an ihm herunter, so sehr hatte ihn die Last gedrückt. Man glaubt, dass Geister, die einem so anhängen, gerne erlöst wären. [S.76]


E Gränzsteiversetzig in Brätzbel
[Bretzwil (neben Reigoldswil): Der Geist des Vaters befiehlt dem Sohn, einen Grenzstein zurückzuversetzen]

Er wüss es ganz ginau, wär's gsi syg, het der Steffehans gseit. Dä Ma syg scho ne Rung gstorbe gsi, do syg er einisch z'nacht sym Suhn [Sohn] erschiene, heig ihm dütet, er sell mit ihm cho. Er syg vorewägg gange zum Gschirhüsli und heig im Suhn gseit, was für Gschir er sell neh. Dernoh syge si mitenander ufs Land zum e Marchstei. Do heig der Vater bifohle, er sell dä Marchstei usgrabe und öppe-n-anderthalbe Meter wyter abe setze, denn er syg albe dört gstande und er heig ihm die Stell ginau zeigt. Wo der Suhn das gmacht gha het, heig er der Vater niene meh gseh. [S.76]


Wasserklau

Die ruhelosen Wässermannen
[Känerkinden (Region Läufelfingen): Wasserklau bei der Bewässerung von Feldern - und weisse Geister tanzen im Mondschein]

Auf dem hügeligen Gelände unterhalb des Dörfleins Känerkinden wuchs früher nur spärliches Gras. Da fing man an, den sogenannten Bergbach auf diese Wiesen zu leiten und zu wässern. Seitdem wurde das Land merklich fruchtbarer. Damit alle Landeigentümer in gleicher Weise ihr Wasser bekamen, wurde es verteilt [S.76], sodass jeder eine bestimmte Zeit des Tages das Wasser auf sein Grundstück leiten durfte. Es kam aber öfters vor, dass in trockenen Sommern das Wasser gestohlen, das heisst, auf andere Grundstücke geleitet wurde, zum grossen Schaden einzelner Landeigentümer.

Viele Jahre nachher sah man in hellen Mondnächten auf diesen Wiesen schneeweisse Wässermannen, die lautlos über das Gelände huschten. Alte Leute erzählen, diese irrenden Geister seien sogar sehr bösartig, denn es sei ihnen einmal ein einsamer Wanderer zum Opfer gefallen. Die Leiche des Ermordeten sei von den wuchtigen Hieben der weissen Männer ganz blau und grün gewesen. Seitdem wird diese verrufene Örtlichkeit des Nachts von den Anwohnern nach Möglichkeit gemieden. [S.77]


Der unheimliche Wandergefährte
[Zwischen Buss und Maisprach (Region Rheinfelden): Ein Geistermann mit einem Beil provoziert Krankheiten - er soll mal ein Wasserräuber gewesen sein]

Als einst eine Frau nachts von Buus nach Maisprach wanderte, gesellte sich plötzlich ein Mann zu ihr, der eine glühende Haue [Beil] auf der Schulter trug und eine Strecke weit stumm neben ihr her schritt.

Die Frau erkrankte nachher wegen des ausgestandenen Schreckens so heftig, dass sie längere Zeit das Bett hüten musste.

Es wurde vermutet, der geisterhafte Wanderer sei zu seinen Lebzeiten ein leidenschaftlicher Wässerer gewesen, der seinen Nachbarn das Wasser abgegraben habe und dafür nach dem Tode sein Unrecht büssen musste. [S.77]



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Quellen


Fotoquellen


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