12.
Lichter und Feuer
Der blaue Brändlig
[Läufelfingen: Eine blaue, kalte Flamme "Brändlig" bewegt
sich auf den Strassen]
Eine Frau auf einem einsamen Höflein bei Läufelfingen
erzählte: Von hier aus konnte man manchmal ein blaues Licht
sehen drüben auf der neuen Strasse, im Gebiet der alten
Gipsi [Gipsfabrik?].
Einmal aber machte ich die Bekanntschaft mit einem solchen
blauen Brändlig. Ich ging nachts spät aus der Gesangstunde
nach Hause. Ich war ein wenig ängstlich. Darum begleiteten
mich ein paar Kameradinnen zuerst ein Stück weit. Als sie
zurückgeblieben waren und ich ihnen noch nachblickte, sah
ich plötzlich wieder das blaue Licht, das ich früher schon
bemerkt hatte. Ich schritt rüstig vorwärts, musste aber
immer wieder hinter mich schauen. Dabei wurde ich von dem
blauen Brändlig verfolgt. Später sah ich ihn neben mir
hergehen. Ich wusste damals noch nicht, dass man nachts
immer nur in der Mitte der Strasse gehen soll [S.112], weil
ein Brändlig die Strasse niemals gehend, sondern nur durch
einen hohen Sprung überqueren kann. Ich hatte Angst, mein
Rock könnte an der kniehohen blauen Flamme Feuer fangen. Ich
griff mit der Hand hinunter, verspürte aber keine Wärme. Das
Licht war kalt. Es wirbelte stetsfort neben mir her und
brannte mit bläulicher Flamme wie Branntwein. Es begleitete
mich bis zur Dachtraufe. Hier wuchs es hoch auf. Ich rief
die Mutter, die alles verschlossen hatte, sie solle jetzt
herausschauen. Denn sie hatte noch nie einen Brändlig
gesehen. Sie schrie auf und verkroch sich wieder ins Bett.
Es wurde ihr sterbensübel. Sie trug mir's lange nach, dass
ich sie hergerufen hatte. Vom Kammerfenster aus sah ich
nachher noch, wie der Brändlig aufflog und sich in drei
Lichter teilte, und ich vernahm eine seltsame, mir
unverständliche Sprache. [S.113]
Der Brändlig als nächtlicher Wegbegleiter
[Läufelfingen: Das blaue Licht "Brändlig" leuchtet einer
einsamen Person in der Nacht - fliegt dann zum Berg
"Walten"]
Die Erzählerin der vorstehenden Sage schritt einmal zur
Winterszeit vom Bahnhof Läufelfingen beim Zunachten
heimwärts. Sie hatte erwartet, dass ihr jemand vom
elterlichen Hofe mit einer Laterne entgegenkomme, um sie
abzuholen. Auf einmal sah sie ein Licht vor ihr hergehen.
Mehrere Personen waren dabei, die laut in einer ihr fremden
Sprache redeten. Es gelang ihr nicht, diese Leute
einzuholen; der Abstand blieb immer derselbe. An einer
Weggabelung blieb das Licht stehen, und das Gespräch
verstummte. Plötzlich erhob sich das Licht hoch in die Luft
und flog über den Wald hinauf in der Richtung gegen den
Walten. [S.113]
Feurige Mannen
[Pratteln: Da sind brennende Männer als Geister in der Nacht
und am Morgen]
Der Lehenmann von Maienfels bei Pratteln sah in den
Dreissigerjahren des vergangenen Jahrhunderts öfters solche
Unholde, wenn er nachts oder am frühen Morgen durch die
ebenen Matten die Milch nach Basel führte. [S.114]
Irrlichter
[Irrlichter bei Arisdorf (neben Füllinsdorf an der
Autobahn), bei Sennweid (Olsberg, Region Rheinfelden), in
Gelterkinden]
Oberhalb der Reben, die zwischen Hersberg und Arisdorf
gelegen sind und dort, wo ehemals die langen Steinmahden
(Lesesteinhaufen) lagen, sah man früher oft Irrlichter umher
wandern.
Über dem Feld bei der Sennweid (Olsberg) wurden ebenfalls
Irrlichter gesehen. Einmal verfolgte man eines, konnte es
aber nicht erreichen; denn plötzlich erlosch es.
Auch in Gelterkinden sind die Irrlichter nicht unbekannt. So
gewahrte man ein solches auf dem Kirchhof, von der Form
eines rollenden Feuers, das geräuschvoll auf den Beschauer
zukam. [S.114]
Ein Irrlicht lässt sich tragen
[Ein Irrlicht aus Reigoldswil lässt auf dem Räf sich nach
Lauwil tragen und erschreckt dort die Leute]
Ein Mann aus Lauwil hatte in Reigoldswil ein Säcklein
Backmehl gekauft, das er, wie es früher Brauch war, auf
einem Tragräf [Rucksackgestell] nach Hause trug. Wie er
gemächlich, Schritt um Schritt den steilen Hörnlirain
hinaufstapfte, hüpfte plötzlich ein Irrlicht vor ihm her.
Eine tödliche Furcht befiel den Mann, der wohl merkte, dass
da etwas nicht mit natürlichen Dingen zugehe. In seiner Not
betete er laut ein Unservater. Mit einmal war das Lichtlein
verschwunden, aber dem Lauwiler war's, als ob eine schwere
Last zu seinem Mehlsack auf den [S.114] Rücken geladen
würde. So rasch als er konnte, eilte er weiter und war bald
daheim. Dort wurde ihm aber ein seltsamer Empfang zuteil.
Zunächst schaute ihn seine Ehehälfte verwundert an, dann
aber fing sie an, entsetzlich zu schelten und fragte ihn,
was er a eigentlich mitbringe. Denn zuoberst auf dem Räf
hatte sich das Irrlicht festgesetzt, ohne dass der Träger es
gewahrt hätte. Während die erzürnte Frau noch wetterte,
hüpfte das Lichtlein auf den Boden, huschte zur Türe hinaus
und erlosch vor dem Hause. Die erschrockenen Leute
untersuchten nachher das Tragräf auf das Peinlichste,
konnten aber nichts Auffälliges daran entdecken. [S.115]
Ein Irrlicht erschreckt Pferde
[Auf der Strasse nach Langenbruck (Region Hauenstein): Ein
Irrlicht lenkt die Pferde ab]
Ein Fuhrmann, der in später Nacht auf der Hauensteinstrasse
nach Langenbruck zurückkehrte, war unterwegs, wie schon
manchmal, eingeschlafen. Sonst hatten die Pferde den Weg
immer selbst gefunden, diesmal aber wäre die Sorglosigkeit
des Leiters dem Gefährt fast zum Verhängnis geworden. Der
Fuhrmann erwachte nämlich, als die Zugtier zu äusserst an
der Böschung beim Engpass der Weiherlegi standen. Mit einem
kräftigen Ruck konnte er die Tiere noch zurückhalten und so
dem Verderben entgehen. Zugleich entdeckte er, was
vielleicht die Ursache der Ablenkung war, in der Tiefe, wo
früher der Weiher lag, ein eigenartig blitzendes Irrlicht,
das nach einer Weile wieder erlosch. Der Fuhrmann behauptete
nachher immer, das Licht sei wohl ein Geist gewesen, der
noch nicht zur Ruhe gelangt sei. [S.115]
E blau Liechtli
[Bretzwil: Ein blaues Licht erschreckt einen Mann so sehr,
dass er 2 bis 3 Tage danach stirbt]
Wo der Mesmerjoggi emol z'nacht Brätzbel [Bretzwil] zue
isch, het er uf der Eich in de Letterlöchere näbe der Stross
e blau Liechtli gseh flackere und umenander fahre. Er het si
gförchtet [sich gefürchtet] und doch welle wüsse, was das
syg. Er goht derzue; mit im Stäcke het er drum umme
gfuchtlet und dernoh druf gschlage, aber das Liechtli isch
nit verlosche. In ere grosse Angscht und ganz verstört isch
er heicho und het noh verzellt, was er gseh het. In zwe oder
drei Tage isch der Mesmerjoggi gstorbe, ohni ass er meh
zue-n-ihm sälber cho wer. D'Lüt hei gseit, der Schrecke syg
ihm ins Bluet übergange. [S.116]
Das hüpfende Lichtlein
[Liedertswil (zwischen Reigoldswil und Waldenburg: Ein
Lichtlein über einem Sumpf]
In Liedertswil geht die Sage, es habe einst ein geiziger
Bauer am Lichs [Lichshübel] östlich des Dörfleins in der
Nacht die Marchsteine zu seinen Gunsten versetzt. Zur ewigen
Strafe müsse er in der Geisterstunde dort umgehen, der
verlegten Grenze nach, und trage dabei ein Laternlein, das
bald verschwinde, bald sichtbar sei. Ein paar junge Burschen
hatten die Erscheinung auch gesehen und erzählten davon. Ich
erklärte ihnen dieselbe als eine ganz natürliche:
"In der Lichsmulde ist eine sumpfige Stelle, wo nur saures
Gras wächst. In diesem nassen Boden bildet sich Sumpfgas,
das in kleinen Blasen aus dem Boden aufsteigt und sofort
brennt, wenn es mit dem Sauerstoff der Luft in Berührung
kommt. Ich bin schon mehrmals dort gewesen und habe sogar am
Tage den Vorgang beobachtet." Das wollte keiner recht
glauben, nur einer, dessen Vater das Land gehörte, glaubte
mir [S.116] ein wenig. Schliesslich sagte ich vergnügt: "Ich
gehe um Mitternacht nach dem Lichs. Wer kommt mit?" Heinrich
zögerte; doch als ich bemerkte, er könne zur Vorsicht das
geladene Gewehr mitnehmen und den Marchsteinversetzer
erschiessen, war er bereit, ohne Waffe mitzugehen. "Ihr
andern", fügte ich bei, "könnt uns vom Dörflein her
beobachten. Wir rufen euch laut, sobald wir auf der Stelle
sind." Als Heinrich und ich auf dem Lichs angelangt waren,
betrat ich sofort das sumpfige Stück und alle paar Schritte
zuckte ein Flämmchen auf. Mein Kamerad bekam Vertrauen und
trat ebenfalls darauf herum. Schliesslich machte es ihm
Spass, er stampfte nur so umher und lachte laut dazu. Wir
begannen zu rufen und zu jauchzen, dass sie es im Dörflein
wohl hören konnte.
Dann kehrten wir zu den Burschen zurück und fragten, ob sie
die Lichtlein gesehen hätten. Sie bestätigten es und
Heinrich sagte fröhlich: "Es ist so, wie der Ernst erklärt
hat. Wir sind dumme Kerle, wenn wir noch an so was glauben."
Einer meinte nachdenklich: "Ab er ganz alles auf Erden,
Ernst, kannst du doch nicht erklären." Ich war und bin heute
noch damit einverstanden.
Später hat der Besitzer jenes Landstück entwässert, das
hüpfende Lichtlein ist verschwunden und der unselige
Marchsteinversetzer hat seine Ruhe im Grabe gefunden.
[S.117]
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