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Sagen der Schweiz: Kanton Basel-Land

12. Lichter und Feuer

Blaue Flamme "Brändlig" (Läufelfingen) - brennende Männer als Geister (Pratteln) - Irrlichter (Arisdorf, Sennweid, Gelterkinden) - Irrlicht hockt auf dem Räf (Reigoldswil) - Irrlicht lenkt Pferde ab (Langenbruck) - blaues Irrlicht erschreckt Mann (Bretzwil) - Lichtlein hüpft über einem Sumpf (Liedertswil)

präsentiert von Michael Palomino (2023)

aus: Sagen aus Baselland. Lehrerverein Baselland - bearbeitet von Gustav Müller und Dr. Paul Suter - Verlag Landschäftler AG, Liestal 1938
(ohne Laufental, das kam erst 1994 zum Kanton Basel-Land).

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12. Lichter und Feuer


Der blaue Brändlig
[Läufelfingen: Eine blaue, kalte Flamme "Brändlig" bewegt sich auf den Strassen]

Eine Frau auf einem einsamen Höflein bei Läufelfingen erzählte: Von hier aus konnte man manchmal ein blaues Licht sehen drüben auf der neuen Strasse, im Gebiet der alten Gipsi [Gipsfabrik?].

Einmal aber machte ich die Bekanntschaft mit einem solchen blauen Brändlig. Ich ging nachts spät aus der Gesangstunde nach Hause. Ich war ein wenig ängstlich. Darum begleiteten mich ein paar Kameradinnen zuerst ein Stück weit. Als sie zurückgeblieben waren und ich ihnen noch nachblickte, sah ich plötzlich wieder das blaue Licht, das ich früher schon bemerkt hatte. Ich schritt rüstig vorwärts, musste aber immer wieder hinter mich schauen. Dabei wurde ich von dem blauen Brändlig verfolgt. Später sah ich ihn neben mir hergehen. Ich wusste damals noch nicht, dass man nachts immer nur in der Mitte der Strasse gehen soll [S.112], weil ein Brändlig die Strasse niemals gehend, sondern nur durch einen hohen Sprung überqueren kann. Ich hatte Angst, mein Rock könnte an der kniehohen blauen Flamme Feuer fangen. Ich griff mit der Hand hinunter, verspürte aber keine Wärme. Das Licht war kalt. Es wirbelte stetsfort neben mir her und brannte mit bläulicher Flamme wie Branntwein. Es begleitete mich bis zur Dachtraufe. Hier wuchs es hoch auf. Ich rief die Mutter, die alles verschlossen hatte, sie solle jetzt herausschauen. Denn sie hatte noch nie einen Brändlig gesehen. Sie schrie auf und verkroch sich wieder ins Bett. Es wurde ihr sterbensübel. Sie trug mir's lange nach, dass ich sie hergerufen hatte. Vom Kammerfenster aus sah ich nachher noch, wie der Brändlig aufflog und sich in drei Lichter teilte, und ich vernahm eine seltsame, mir unverständliche Sprache. [S.113]


Der Brändlig als nächtlicher Wegbegleiter
[Läufelfingen: Das blaue Licht "Brändlig" leuchtet einer einsamen Person in der Nacht - fliegt dann zum Berg "Walten"]

Die Erzählerin der vorstehenden Sage schritt einmal zur Winterszeit vom Bahnhof Läufelfingen beim Zunachten heimwärts. Sie hatte erwartet, dass ihr jemand vom elterlichen Hofe mit einer Laterne entgegenkomme, um sie abzuholen. Auf einmal sah sie ein Licht vor ihr hergehen. Mehrere Personen waren dabei, die laut in einer ihr fremden Sprache redeten. Es gelang ihr nicht, diese Leute einzuholen; der Abstand blieb immer derselbe. An einer Weggabelung blieb das Licht stehen, und das Gespräch verstummte. Plötzlich erhob sich das Licht hoch in die Luft und flog über den Wald hinauf in der Richtung gegen den Walten. [S.113]


Feurige Mannen
[Pratteln: Da sind brennende Männer als Geister in der Nacht und am Morgen]

Der Lehenmann von Maienfels bei Pratteln sah in den Dreissigerjahren des vergangenen Jahrhunderts öfters solche Unholde, wenn er nachts oder am frühen Morgen durch die ebenen Matten die Milch nach Basel führte. [S.114]


Irrlichter
[Irrlichter bei Arisdorf (neben Füllinsdorf an der Autobahn), bei Sennweid (Olsberg, Region Rheinfelden), in Gelterkinden]

Oberhalb der Reben, die zwischen Hersberg und Arisdorf gelegen sind und dort, wo ehemals die langen Steinmahden (Lesesteinhaufen) lagen, sah man früher oft Irrlichter umher wandern.

Über dem Feld bei der Sennweid (Olsberg) wurden ebenfalls Irrlichter gesehen. Einmal verfolgte man eines, konnte es aber nicht erreichen; denn plötzlich erlosch es.

Auch in Gelterkinden sind die Irrlichter nicht unbekannt. So gewahrte man ein solches auf dem Kirchhof, von der Form eines rollenden Feuers, das geräuschvoll auf den Beschauer zukam. [S.114]


Ein Irrlicht lässt sich tragen
[Ein Irrlicht aus Reigoldswil lässt auf dem Räf sich nach Lauwil tragen und erschreckt dort die Leute]

Ein Mann aus Lauwil hatte in Reigoldswil ein Säcklein Backmehl gekauft, das er, wie es früher Brauch war, auf einem Tragräf [Rucksackgestell] nach Hause trug. Wie er gemächlich, Schritt um Schritt den steilen Hörnlirain hinaufstapfte, hüpfte plötzlich ein Irrlicht vor ihm her. Eine tödliche Furcht befiel den Mann, der wohl merkte, dass da etwas nicht mit natürlichen Dingen zugehe. In seiner Not betete er laut ein Unservater. Mit einmal war das Lichtlein verschwunden, aber dem Lauwiler war's, als ob eine schwere Last zu seinem Mehlsack auf den [S.114] Rücken geladen würde. So rasch als er konnte, eilte er weiter und war bald daheim. Dort wurde ihm aber ein seltsamer Empfang zuteil. Zunächst schaute ihn seine Ehehälfte verwundert an, dann aber fing sie an, entsetzlich zu schelten und fragte ihn, was er a eigentlich mitbringe. Denn zuoberst auf dem Räf hatte sich das Irrlicht festgesetzt, ohne dass der Träger es gewahrt hätte. Während die erzürnte Frau noch wetterte, hüpfte das Lichtlein auf den Boden, huschte zur Türe hinaus und erlosch vor dem Hause. Die erschrockenen Leute untersuchten nachher das Tragräf auf das Peinlichste, konnten aber nichts Auffälliges daran entdecken. [S.115]


Ein Irrlicht erschreckt Pferde
[Auf der Strasse nach Langenbruck (Region Hauenstein): Ein Irrlicht lenkt die Pferde ab]

Ein Fuhrmann, der in später Nacht auf der Hauensteinstrasse nach Langenbruck zurückkehrte, war unterwegs, wie schon manchmal, eingeschlafen. Sonst hatten die Pferde den Weg immer selbst gefunden, diesmal aber wäre die Sorglosigkeit des Leiters dem Gefährt fast zum Verhängnis geworden. Der Fuhrmann erwachte nämlich, als die Zugtier zu äusserst an der Böschung beim Engpass der Weiherlegi standen. Mit einem kräftigen Ruck konnte er die Tiere noch zurückhalten und so dem Verderben entgehen. Zugleich entdeckte er, was vielleicht die Ursache der Ablenkung war, in der Tiefe, wo früher der Weiher lag, ein eigenartig blitzendes Irrlicht, das nach einer Weile wieder erlosch. Der Fuhrmann behauptete nachher immer, das Licht sei wohl ein Geist gewesen, der noch nicht zur Ruhe gelangt sei. [S.115]


E blau Liechtli
[Bretzwil: Ein blaues Licht erschreckt einen Mann so sehr, dass er 2 bis 3 Tage danach stirbt]

Wo der Mesmerjoggi emol z'nacht Brätzbel [Bretzwil] zue isch, het er uf der Eich in de Letterlöchere näbe der Stross e blau Liechtli gseh flackere und umenander fahre. Er het si gförchtet [sich gefürchtet] und doch welle wüsse, was das syg. Er goht derzue; mit im Stäcke het er drum umme gfuchtlet und dernoh druf gschlage, aber das Liechtli isch nit verlosche. In ere grosse Angscht und ganz verstört isch er heicho und het noh verzellt, was er gseh het. In zwe oder drei Tage isch der Mesmerjoggi gstorbe, ohni ass er meh zue-n-ihm sälber cho wer. D'Lüt hei gseit, der Schrecke syg ihm ins Bluet übergange. [S.116]


Das hüpfende Lichtlein
[Liedertswil (zwischen Reigoldswil und Waldenburg: Ein Lichtlein über einem Sumpf]

In Liedertswil geht die Sage, es habe einst ein geiziger Bauer am Lichs [Lichshübel] östlich des Dörfleins in der Nacht die Marchsteine zu seinen Gunsten versetzt. Zur ewigen Strafe müsse er in der Geisterstunde dort umgehen, der verlegten Grenze nach, und trage dabei ein Laternlein, das bald verschwinde, bald sichtbar sei. Ein paar junge Burschen hatten die Erscheinung auch gesehen und erzählten davon. Ich erklärte ihnen dieselbe als eine ganz natürliche:

"In der Lichsmulde ist eine sumpfige Stelle, wo nur saures Gras wächst. In diesem nassen Boden bildet sich Sumpfgas, das in kleinen Blasen aus dem Boden aufsteigt und sofort brennt, wenn es mit dem Sauerstoff der Luft in Berührung kommt. Ich bin schon mehrmals dort gewesen und habe sogar am Tage den Vorgang beobachtet." Das wollte keiner recht glauben, nur einer, dessen Vater das Land gehörte, glaubte mir [S.116] ein wenig. Schliesslich sagte ich vergnügt: "Ich gehe um Mitternacht nach dem Lichs. Wer kommt mit?" Heinrich zögerte; doch als ich bemerkte, er könne zur Vorsicht das geladene Gewehr mitnehmen und den Marchsteinversetzer erschiessen, war er bereit, ohne Waffe mitzugehen. "Ihr andern", fügte ich bei, "könnt uns vom Dörflein her beobachten. Wir rufen euch laut, sobald wir auf der Stelle sind." Als Heinrich und ich auf dem Lichs angelangt waren, betrat ich sofort das sumpfige Stück und alle paar Schritte zuckte ein Flämmchen auf. Mein Kamerad bekam Vertrauen und trat ebenfalls darauf herum. Schliesslich machte es ihm Spass, er stampfte nur so umher und lachte laut dazu. Wir begannen zu rufen und zu jauchzen, dass sie es im Dörflein wohl hören konnte.

Dann kehrten wir zu den Burschen zurück und fragten, ob sie die Lichtlein gesehen hätten. Sie bestätigten es und Heinrich sagte fröhlich: "Es ist so, wie der Ernst erklärt hat. Wir sind dumme Kerle, wenn wir noch an so was glauben." Einer meinte nachdenklich: "Ab er ganz alles auf Erden, Ernst, kannst du doch nicht erklären." Ich war und bin heute noch damit einverstanden.

Später hat der Besitzer jenes Landstück entwässert, das hüpfende Lichtlein ist verschwunden und der unselige Marchsteinversetzer hat seine Ruhe im Grabe gefunden. [S.117]


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Quellen


Fotoquellen


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