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Treuhänder des Reiches


0. Vorwort


Präsentation von Michael Palomino (2013)


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aus: Peter Balzli: Treuhänder des Reichs. Eine Spurensuche. Werd-Verlag, Zürich 1997

* Die mit * gekennzeichneten Namen wurden aus Gründen des Personenschutzes vom Verfasser geändert (S.15)

<Vorwort

Der Gedanke ist gewagt - vor allem, wenn er Deutschland als Ausgangspunkt nimmt. Die Situation in der Schweiz erinnert irgendwie an die Bundesrepublik der fünfziger Jahre. Damals war die deutsche Wehrmacht erstmals ins Zwielicht geraten. Während zuvor Hitlers stolze Soldaten für das Ehrenhafte im Deutschen standen, stellten verschiedene Kritiker sie plötzlich mit Verbrechern im Stile von Heinrich Himmlers SS auf dieselbe Stufe. Die Wehrmacht als Gehilfin für Massenmörder? Ein Mythos kam ins Wanken, das letzte Alibi für ein reines Gewissen drohte zerstört zu werden. Doch das durfte nicht sein. So viel Wahrheit auf einem konnte und wollte damals niemand ertragen. Die Kritiker wurden zu Nestbeschmutzern gestempelt; kollektive Verdrängung setzte ein. [Diese Unterdrückung der Wahrheit ist bis heute auch die Politik der rechtsextremen Partei SVP und der Mitte-Partei FDP, die beim Massenraub von Judengeldern ab 1945 die Verantwortung tragen].

Der Gedanke ist tatsächlich gewagt. Auf den ersten Blick hinkt der Vergleich mit der Schweiz. Weder haben die Eidgenossen einen Krieg angezettelt, noch haben sie sechs Millionen Juden auf grausame Weise ermordet [dieser Massenmord gegen Juden ist eine grosse Lüge, und Hitchcock hat in seinen Filmen systematisch ausgemergelte DEUTSCHE und DEUTSCHE Leichen aus den Rheinwiesenlagern gezeigt]. Sie [die Eidgenossen] sind für die Zerstörung Europas nicht verantwortlich [aber schweizer Präzisionsteile ergänzten das NS-Waffenarsenal hervorragend, auch in den Raketen V1 und V2]. Doch ausgelöst durch einen internationalen Druck seitens jüdischer Organisationen, kommt jetzt eine schwerwiegende Mitschuld ans Tageslicht, und seither bröckelt der helvetische Mythos. Das tradierte Bild einer wehrhaften Schweiz, die ihre Söhne Hitler unerschrocken entgegenstellte, ist so nicht mehr aufrechtzuerhalten.

Doch eigentlich ist dieser Mythos längst tot. Und wer es wissen wollte, der konnte es schon lange wissen. Interessierten Kreisen war seit Jahren bewusst, dass General Guisans Helden auf den grossen Nachbarn wenig Eindruck gemacht hatten. Immer wieder förderten hierzulande Historiker und Journalisten Wahrheiten zutage, die die Geschichte des mutigen Igels sukzessive relativierten. Ob Flüchtlingspolitik oder willfährige Diplomatie, immer deutlicher wurde, dass die  (S.9)

Verteidigung nicht mittels Abschreckung, sondern mittels Anpassung funktionierte. Aber eben: Diese Bruchstücke einer unangenehmen Wahrheit nahm die schweizer Öffentlichkeit über Jahrzehnte hinweg meist nur am Rande zur Kenntnis. Wegschauen war immer möglich, die Verdrängung kein Problem.

[Neue Nachrichten seit 1995 durch Anregungen zu neuer Forschung nach "verschwundenen" Geldern]

Nun aber brechen im Zuge der Suche nach den verschwundenen Geldern der Holocaust-Opfer seit dem Frühling 1995 reihenweise schockierende Tatsachen über die Schweiz herein. Die Öffentlichkeit reagierte zunächst hilflos. Und obwohl Politiker oder auch Manager nach langem Schweigen inzwischen einer gründlichen Aufarbeitung der Vergangenheit das Wort reden, führt die Flut neuer Erkenntnisse zu einer teils verdeckten, teils offenen Abwehr. Letzteres zeigt sich unter anderem in einem neuen Aufflackern des Antisemitismus [vor allem in der rechtsextremen Partei SVP, die scheinbar ab 1945 - gedeckt durch das "Bankgeheimnis" - am meisten Judengelder einkassiert hat von Juden, die "nicht mehr zurückgekommen" sind].

Die Gründe für diese Abwehr sind in einem komplexen Mechanismus zu suchen. Vergangenheit bedeutet schliesslich Identität. Der Zusammenbruch eines stets gepflegten und genährten Selbstbilds aber bedeutet Verlust. Verlust an Identität, Verlust an Orientierung. Damit umzugehen ist schwierig und führt oft zur gefährlichen Produktion von einfach verständlichen Feindbildern. Komplexitätsreduktion soll die Orientierung wieder herstellen.

Zu diesem Mechanismus gehört auch, dass die Ebenen, auf denen eine relativ kleine Elite von Bankiers, Treuhändern, Anwälten, Kunsthändlern, Versicherern und Strohmännern gehandelt hat, mangels Faktenwissen oft reduziert und nur in einer Form - wie beispielsweise dem Raubgold - diskutiert werden. Die Debatte kann daher immer wieder verengt werden auf wenige Tatbestände, die sich leicht als Ausnahmen, als "schwarze Schafe", hinstellen lassen.

Das vorliegende Buch versucht, diesen Mangel zu beheben. Es spürt dem Handeln im Gesamtspektrum der verlorenen Vermögenswerte nach. Da werden vielfältige Formen sichtbar, die zur Verfügung standen, um die Vermögen der Nazi-Opfer verschwinden zu lassen oder um sich bei ihnen zu bereichern [die Hauptprofiteure waren Anwälte und Bankiers und Vertreter der Börsen von den Parteien SVP und FDP, die die Nummernkonten verwalteten, und die dann auch am meisten schwiegen und alle Nachforschungen unterdrückten]. Dabei zeigt sich deutlich, wie "die Schweiz" als Synonym einer Fluchtburg für Menschen und Vermögen vor dem Terror der Vernichtungsmaschinerie sich selbst mehr und mehr hineinziehen liess.

[Schweizer der Oberschicht profitierten durch den Nazi-Terror in der Schweiz]

Nicht "die Schweizer", sondern ein kleiner Kreis in der schweizer Politik und Wirtschaft nahm diesen Terror nicht nur hin, sondern profitierte von ihm. Die wenigen Verantwortlichen, die sich diesen Machenschaften damals entgegenstellten, widerlegen (S.10)

zudem die weitverbreitete Ansicht, dass die heute angelegten moralischen Massstäbe die Erfindung einer gesättigten Wohlstandsgesellschaft seien.

Stand der Vorwurf des skrupellosen Profitierens auch häufig im Raum, so blieb er doch nur im einzelnen belegt. Obwohl erst eine umfassende Geschichtsforschung in der Lage sein dürfte, die Systematik und die konkreten Dimensionen damaliger Machenschaften darzulegen, deuten die vorliegenden Recherchen bereits auf eine erschreckende Gesetzmässigkeit hin. Zugleich decken sie aber noch ein weiteres, nicht weniger erschreckendes Phänomen auf, das bis heute nicht ausser Kraft gesetzt ist: das des Vertuschens, Leugnens und Verschweigens dieser Profite. Diese Reaktion setzte ein, sobald sich die Niederlage Nazi-Deutschlands abzuzeichnen begann. Die Tatbestände wurden bis zum Beweis des Gegenteils geleugnet. Und diese Nachforschungen geschahen damals wie heute nur auf Druck des Auslandes. Damals wie heute war hierzulande oft von Erpressung die Rede - und immer war der Faktor Zeit im Kalkül, der aufwendige Untersuchungen schon verhindern würde.

[Die Schweizer der Oberschicht, allen voran der Partei der SVP, halfen den Nazi-Grössen in Bern noch nach 1945 zur Ausreise nach Argentinien und Chile und schweizer Anwälte trugen ihnen ihr Vermögen im Diplomatenkoffer nach...].

Wenn Juden und ihre Organisationen jetzt endlich Gerechtigkeit wollen, dann kann sie zwar nicht in Form von Geld wiederhergestellt werden,. Aber hierzulande scheint man gewisse Anliegen nur in Form von Geld ernst zu nehmen. Wenn humanitäre Gesten nicht aus Einsicht in die entstandene Ungerechtigkeit vollzogen werden, sondern sich nach buchhalterischen und juristischen Kriterien rechnen müssen, regiert aber das Gesetz einer eigennützigen Schadensbegrenzung. Falls dies das Credo einer ökonomisierten Gesellschaft ist, dann bekommt auch die Institution eines Fonds leicht einen fragwürdigen Anstrich.

Verlässliche Schätzungen gibt es keine. Aber es sind sicher über hundert Archive im In- und Ausland, die für die Aufarbeitung der Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg entscheidend sein werden. Über hundert Archive, die mit ihren Millionen von Akten zusammen leicht mehrere tausend Laufmeter ausmachen. Dieses Buch kann und will deshalb keinen Anspruch auf historische Vollständigkeit erheben. Vielmehr liegt ihm ein journalistischer Ansatz zugrunde. Anhand zahlreicher Beispiele und Spuren, die im Moment teilweise noch in offene Fragen münden, soll ein anschaulicher Einblick in verschiedene Ebenen eines äusserst komplexen Kapitels der schweizer Vergangenheit (S.11)

gegeben werden. Ein Kapitel, in dem sich die Treuhänder der Opfer oft in Treuhänder des Reichs verwandelten.

Die Bewältigung dieser Vergangenheit ist schmerzhaft. Doch am Ende des langwierigen Prozesses könnte die Schweiz reicher sein als heute, reicher als andere Länder, die diesen Prozess immer noch vor sich haben. Wird die von Bundesrat Kaspar Villiger einmal angeprangerte "Wehleidigkeit" überwunden, steht die Schweiz in ein paar Jahren nicht mehr nur für Schokolade, Kühe, Käse, Matterhorn, Perfektion und Banken. Zur neuen Identität gehören dann vielleicht ein historisches Bewusstsein und die allgemeine Erkenntnis, dass nicht nur Nazis, Mafiosi und Diktatoren Täter sind, sondern auch deren Treuhänder.

Beat Balzli, Februar 1997 (S.12)
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Quellen


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