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Treuhänder des Reichs

5. Unterwandert, bestochen, angezapft

Teil 2: Unterwandert: Politische und militärische Spionage: Der verschuldete, schweizer Anwalt Neidhart aus Basel dient der NSDAP -- Der "Verkauf" inhaftierter Juden durch das Dritte Reich -- Angezapft: Der Verrat von Bankdaten an Nazi-Deutschland durch die Familien-Mafia Neidhart in der SKA -- Die Bestechung der schweizer Behörden durch den NS-Staat mit Judensachen: Schmuck, Diamanten, Gold, Wertpapiere etc.

Präsentation von Michael Palomino (2013)


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aus: Peter Balzli: Treuhänder des Reichs. Eine Spurensuche. Werd-Verlag, Zürich 1997

* Die mit * gekennzeichneten Namen wurden aus Gründen des Personenschutzes vom Verfasser geändert (S.15)

[Unterwandert: Politische und militärische Spionage: Der verschuldete, schweizer Anwalt Neidhart aus Basel dient der NSDAP]

[Jurist mit einer Pleite einer Bremsenfirma in St-Louis]

Dass die Vermutungen der Amerikaner und die anonymen Meldungen an schweizer Gesandtschaften keine Hirngespinste waren, beweist auf eindrückliche Weise die Geschichte des Dr. Paul Neidhart. Geboren: 9. Februar 1903. Nationalität: Schweizer. Beruf: Anwalt. Gestapo-Nummer: V172. Deckname: Leo Markus. Deckname des Vorgesetzten: Sailer. Deckadresse der zuständigen Stelle: Milag, Stuttgart.

Es fing alles ganz harmlos an. Neidhart entstamme einer grossen, aber kleinverdienenden Bauernfamilie aus der Ostschweiz. Er absolvierte eine Lehre als Maschinenbauzeichner und wechselte dann in ein katholisches Internat, um die Matura nachzuholen. Weil das Geld an allen Ecken und Enden fehlte, musste er sein Studium mit Gelegenheitsarbeiten und Darlehen selbst finanzieren. Zuerst lebte er eine Zeitlang als Philosophiestudent im belgischen Löwen, kehrte dann in die Schweiz zurück und studierte in Basel Jura. Neidhart schaffte es bis zur Dissertation. Obwohl schwer verschuldet, dachte er nur an seinen Aufstieg zum Unternehmer. Während er sich 1937 auf seine Anwaltsprüfung vorbereitete, stieg er ins Geschäft mit Autobremsen ein. Von allen möglichen Leuten inklusive Schwager und Geschwister pumpte sich Neidhart das nötige Startkapital zusammen und kaufte im elsässischen St-Louis das Inventar der Firma Meier-Nicolet & Cie. Doch die Zeiten waren schwierig, und der Plan mit den Bremsen versagte. Neidharts Traum vom Reichwerden endete im Nichts. Er hatte rund siebzig Betreibungen am Hals und musste den Betrieb im Frühling 1939 mit Verlust verkaufen. Sein Schuldenberg war jetzt noch grösser geworden. Das nötige Geld für die Zinsen verschaffe er sich wiederum mittels Wechseln und Darlehen.

Obwohl er nach seiner Elsasspleite in der Falknerstrasse 4 in Basel eine Anwaltskanzlei eröffnete, konnte er seinen Lebensunterhalt nach (S.122)

wie vor nicht selbst finanzieren. Erst die Heirat mit einer Tochter aus einer noblen Luzerner Apothekerfamilie verschaffte ihm kurze Zeit Luft. Die Schwiegereltern schenkten ihm 10.000 Franken zur Bereinigung seiner roten Zahlen. Von seiner Frau hatte er zuvor bereits 2600 Franken erhalten. Aber Paul Neidhart wollte mehr als ein normales Leben mit Familie und Beruf. "Er war irgendwie grössenwahnsinnig und dazu ein Hochstapler", erinnert sich heute [1997] ein Familienmitglied.

[Gelderwerb durch Loskaufgeschäfte mit in Deutschland inhaftierten Juden - Wochenkarten nach Deutschland - Manipulation zum Spion für Deutschland]

Um zu Geld zu kommen, war ihm jedes Mittel recht, selbst die Ausnützung der Notlage jüdischer Menschen. Schon kurz nach seinem Flop mit den Autobremsen hatte der als "Winkeladvokat" verschrieene Neidhart erste Gehversuche im sogenannten Loskaufgeschäft gemacht. Dabei handelte es sich um von Schweizern eingefädelte Tauschaktionen, bei denen inhaftierte Juden mit der Ablieferung ihres ausländischen Vermögens ihre Freiheit erkauften und dem Vermittler dafür happige Provisionen zahlen mussten. Im Mai 1939 kam Neidhart mittels eines Bekannten auch erstmals in Kontakt mit den einschlägigen deutschen Behörden. Durch seine neuen Beziehungen konnte er sich eine Grenzkarte besorgen, die ihm einmal wöchentlich die Einreise nach Deutschland erlaubte. Doch ins Netz der deutschen Spionage geriet er erst im Frühling 1942.

Seine Anwerbung durch die Nazi-Abwehr fand im Bahnhofsbuffet Lörrach statt. Ein Mann setzte sich neben ihn. Der Unbekannte war der Agent Brendler alias "Rhode" von der Abwehrstelle Lörrach. Man plauderte ein bisschen, und dann erklärte sich Neidhart für einen ersten Einführungstest bereit. Er sollte für Brendler in der Schweiz ein paar Stumpen [Zigarren] besorgen.

Vierzehn Tage später fand das zweite Treffen statt. Agent Rhode wurde nun konkret. Er begann Fragen zu stellen, die sich vor allem um militärische Dinge drehten. Die Absicht war klar: Man wollte Neidhart für den militärischen Nachrichtendienst engagieren. Geplant war eine erste Mission in Olten. Der deutsche Agent wollte ihm dafür 50 Franken übergeben. Paul Neidhart lehnte zuerst ab, willigte dann aber doch ein, verschiedene wirtschaftliche und politische Informationen zu liefern.

Neidhart war jetzt offiziell Mitglied des deutschen Geheimdienstes. Die Formalitäten wurden bei einem Treffen im Verlaufe des Sommers 1942 erledigt. An die Stelle von Agent Rhode war jetzt Willy Seeger (S.123)

alias "Sailer" getreten, der Verantwortliche für die Schweiz bei der Gestapostelle Stuttgart. Es war kein Zufall, dass Neidhart mit "Leo Markus" einen jüdischen Decknamen erhielt, schliesslich hatten die Deutschen mit ihm noch viel vor. Neidhart erhielt von seinen Auftraggebern monatlich 300 Franken plus Spesen. Auf den ersten Blick ein bescheidenes Salär, doch schon bald winkten massive Zusatzeinkünfte.

Nachdem sich Neidhart in ersten Einsätzen bewährt hatte, machte Agent Rhode den Nachwuchs mit Dr. Walter Dünnhaupt bekannt, einem Agenten der Zollfahndungsstelle Magdeburg. Dünnhaupt war auf das Aufspüren jüdischer Konten in der Schweiz spezialisiert. Neidhart realisierte sofort, dass da viel Geld zu holen war. Um seine Bereitschaft gegenüber Dünnhaupt zu demonstrieren, gab er sich als fanatischer Judenhasser zu erkennen. Der Zollfahnder erklärte ihm daraufhin die Provisionsregelung. Pro gemeldetem und nach Deutschland zurückgeflossenem Vermögen wurde ein Anteil von zehn Prozent gezahlt.

[Neidhart wird Doppelagent, zieht systematisch jüdische Vermögen an und verrät dann die Juden - Verhaftung und nachweisbare Spionage für die NSDAP]

Um die Tätigkeit von V172 ranken sich auch heute [1997] noch viele Gerüchte. Ein Mann aus seinem Heimatdorf erinnert sich: "Neidhart gab sich gegenüber Juden als Treuhänder Dr. Markus aus. Sobald sie ihm ihr Geld in der Schweiz zur Verwaltung übergaben, schnappte die Falle der Gestapo zu. Eines Tages kam ein Freund von ihm auch zu meinem Vater. Er sollte für ihn Geld aufbewahren. Doch meine Mutter traute der Sache nicht und schickte den Neidhart-Komplizen weg."

Die Basler Polizei verhaftete den Gestapoagenten im Frühling 1944. In der folgenden Strafuntersuchung konnte ihm aber nur ein Teil der durch ihn tatsächlich ausgeführten Aufträge nachgewiesen werden. Fast alle Anweisungen des deutschen Geheimdienstes sowie die eigenen Notizen gingen regelmässig in Flammen auf. "Die ihm von seinen Auftraggebern mündlich übertragenen Aufträge pflegte Dr. Paul Neidhart stichwortartig zu notieren. Sowohl seine Notizen als auch die ihm durch einen Kuriere schriftlich zugestellten Aufträge wurden nach Erledigung verbrannt, so dass nur ein schriftlicher Auftrag und nur eine geringe Anzahl Auftragsnotizen bei ihm beschlagnahmt werden konnten", heisst es im Urteil des Strafgerichts des Kantons Basel-Stadt vom 24. Oktober 1945.

Zudem schrieb der gekaufte Anwalt seine Spitzelberichte oft persönlich in den deutschen Büros der zuständigen Behörden. Noch am Tag seiner Verhaftung traf in seiner Anwaltskanzlei ein verschlüsseltes Telegramm des deutschen Geheimdienstes ein: "Habe Sie in Lörrach (S.124)

nicht erreicht stop Berghaus verlangt nochmalige Besprechung zwecks Vertragsabschluss stop Treffpunkt ab 18. April in Heidelberg stop sofortige Rückantwort erbeten = Dr. Mertens."

Trotz bescheidener Beweislage konnten ihm die Basler allein im politischen und militärischen Nachrichtendienst 56 Fälle nachweisen. Ein paar Beispiele illustrieren, worauf und auf wen es die Deutschen abgesehen hatten. So wollten sie unter anderem Informationen über den Zürcher Robert Blass, Präsident des Schweizerischen Anwaltsverbandes. Es sollte ermittelt werden, ob Blass einer Freimaurerloge angehörte. Auch Nationalrat und Zigarettenfabrikant Henri Burrus geriet in Neidharts Visier. Man verlangte einen umfassenden Bericht über dessen finanzielle Verhältnisse und seine Verwaltungsratsmandate. Und selbst die Prominenten aus der eigenen Chefetage liessen die Deutschen bespitzeln. V172 musste herausfinden, ob der ehemalige deutsche Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht in der Schweiz Kontakte zu englischen und amerikanischen Finanzkreisen unterhielt. Dabei interessierten vor allem Beziehungen zum Präsidenten der Bank für Indo-China.

Neidhart, der für seine Recherchen sehr oft die Arbeit von Wirtschaftsauskunfteien in Anspruch nahm, beschränkte sich nicht nur auf die Lieferung politischer Informationen. Viel rentabler waren Bespitzelungen im Arbeitsgebiet von Dünnhaupt,   also der wirtschaftliche Nachrichtendienst.

[Neidhart spielt vor schweizer Kollegen im Militär den Judenschützer - die hohen Provisionen von 10% sind entscheidend für den systematischen Verrat von Juden]

Angesichts der stolzen Provisionen liess Neidhart keine Gelegenheit aus. Deutsche, die ihr Geld heimlich in die Schweiz gerettet hatten, ans Messer zu liefern. Selbst im Militärdienst versuchte er, Dienstkollegen zu Überreden, ihm Adressen von Reichsangehörigen zu liefern. Dabei lockte er mit Entschädigungen und präsentierte sich als Menschenfreund. Diese Leute seien verpflichtet, ihr Geld in Deutschland anzumelden Wenn sie es nicht angemeldet hätten, müssten sie es geheimhalten und befänden sich in Schwierigkeiten. Da er eine Grenzkarte besitze, wolle er diese Leute in Deutschland aufsuchen und sich für die Verwaltung anbieten. Es sei dabei mit einem guten Honorar zu rechnen, erklärte Neidhart seinen schweizer Informanten, zu denen unter anderem auch Bankdirektoren gehörten.

In wie vielen Fällen Neidhart Erfolg hatte, ist nicht mehr zu eruieren. Die Basler Untersuchungsbehörden konnten ihm aus den dargestellten Gründen nur wenig nachweisen. Die Affäre Haeberlen illustriert jedoch, welche verheerenden Folgen Neidharts Meldungen für die Betroffenen (S.125)

hatte. Von einem Bücherrevisor erfuhr er, dass der deutsche Otto Haeberlen in der Schweiz eine Firma für Engros-Handel mit Bijouteriewaren besass. Neidhart meldete im November 1942 an seinen Auftraggeber Dünnhaupt, dass die Firma in eine schweizerische Aktiengesellschaft umgewandelt werde. Haeberlen habe seinen Umsatz nicht vollständig nach Deutschland gemeldet und versuche nun, seinen ganzen Besitz dem Reich vorzuenthalten. Als kranker Mann wolle Haeberlen erreichen, dass im Falle seines Todes die Nachlassbehörden keine Inventurmeldung nach Pforzheim leiteten. Die Nazis zögerten nach dieser Meldung nicht lange. Bei einer Rückreise nach Deutschland verhaftete die Gestapo. Otto Haeberlens Frau und behielt sie fünf Monate im Gefängnis, bis sie dem Dritten Reich 100.000 Schweizer Franken aus der Erbschaft "freiwillig" abtrat. Neidhart kassierte vertragsgemäss 10 Prozent, also 10.000 Franken Erfolgsprämie.


[Der "Verkauf" inhaftierter Juden durch das Dritte Reich]

[Die NSDAP "verkauft" inhaftierte Juden - schweizer Anwälte kaufen Juden gegen Provision von Juden frei]

Neben den politischen und wirtschaftlichen Spitzeldiensten betrieb der bekennende Antisemit Paul Neidhart ein weiteres Geschäft mit vollem Einsatz: den Freikauf der Verfolgten. Für die Nazis war der "Verkauf der Juden ein entscheidender Devisenbringer. Allein im Jahr 1944 wurden für 1,6 Millionen Dollar in Gold 1685 Inhaftierte freigelassen. Seit seinem ersten Fall im Frühling 1939 beschäftigte sich Neidhart immer wieder mit dem Menschenhandel. Mit dem offiziellen Eintritt in die Gestapo versuchte er das einträgliche Geschäft massiv zu forcieren, zumal er jetzt freien Zugang zu Informationen über KZ- und Gefängnisinsassen hatte. Während er in seiner herkömmlichen Spionagetätigkeit alleine arbeitete, spannte er für diese Spezialtransaktionen einen Teil seiner grossen Familie ein.

Sein Bruder Josef, der in Brugg als Ingenieur arbeitete, war besonders anfällig. Ende Dezember 1942 weihte ihn Paul in seine geheimen Geschäfte ein. Er solle ihm melden, wenn er jüdische Personen in der Schweiz ausfindig machen könne, die Angehörige in Deutschland hätten. Es bestehe die Möglichkeit, solche Personen freizubekommen, wenn ihre schweizerischen Verwandten oder Bekannten gewisse Summen zu zahlen bereit wären oder wenn die deutschen Juden selbst Kapitalien in der Schweiz verfügbar hätten. Josefs erste Einsätze kamen bald, teils als Gehilfe und teils als Informant.

[Der Fall von Apotheker Alfred Bloch - mit inhaftierten Verwandten in Frankreich]

Anfang 1943 erhielt Paul Neidhart von einem Geschäftsfreund den Tip, dass der Basler Apotheker Alfred Bloch ein jährliches Einkommen (S.126)

von 370.000 Franken versteuere und in Paris Verwandte habe, die von der Gestapo verhaftet worden waren. Der Fall war genau nach Neidharts Geschmack. Er rief Bloch sofort an. Am Telefon erklärte er dem Apotheker knapp, dass es sich um seine Kinder im Ausland handle. Er solle in seine Anwaltskanzlei kommen. Als Bloch im Büro erschien, begann Neidhart sofort Klartext zu reden. Er wollte von Bloch den Aufenthaltsort seiner Kinder wissen. Doch der Apotheker war vorsichtig. Zwar wusste er, dass seine zwei Töchter und die beiden Schwiegersöhne in Paris verhaftet worden waren, aber er schwieg. "Ich weiss es nicht", lautete Blochs knappe Antwort. Neidhart kam daraufhin aufs Geschäftliche zu sprechen. Er wollte wissen, wie viel der Vater für den Freikauf seiner Kinder zu zahlen bereit sei. Bloch wich der Frage aus und wies darauf hin, dass der Preis in Deutschland und nicht von ihm gemacht würde.

Bloch ahnte vermutlich nicht, dass sein Gegenüber Gestapoagent war. Neidhart erkundigte sich umgehend bei seiner vorgesetzten Stelle in Stuttgart, die bei der zuständigen Sicherheitspolizei in Paris die entscheidenden Informationen einholte. Blochs Kinder befanden sich im Lager in Châlons. Stuttgart gab gleich den Tarif bekannt. Zwecks Devisenbeschaffung für die deutsche Reichsbank müsse für eine "bevorzuge Auswanderung" der betroffenen Juden eine Summe von 250.000 Franken gezahlt werden. Neidhart gab daraufhin seinem Bruder den Auftrag, mit Bloch zu verhandeln. Es kam zu einer regelrechten Aktion. Da die beiden mit dem Geschäft tüchtig Geld machen wollten, wurde Bloch in einer ersten Runde eine Auslösesumme von 800.000 Franken genannt. Bei diesem Preis hätten die zwei Brüder einen Reingewinn von 550.000 Franken eingestrichen, da Stuttgart "nur" einen Preis von 250.000 Franken verlangt hatte. Doch Bloch winkte ab, er sei nicht in der Lage, so viel Geld zu zahlen. Damit ging der Poker weiter.

Josef Neidhart, der inzwischen seinen ganzen Bekanntenkreis regelmässig nach jüdischen Bekanntschaften abfragte, kam wenige Wochen später wieder. Diesmal machte er ein Angebot von 600.000 Franken. Bloch lehnte erneut ab. Beim dritten Besuch Anfang 1944 setzte der Ingenieur und Menschenhändler dann massiven Druck auf. Er erzählte dem Apotheker, dass seine Angehörigen deportiert worden seien und sich im Osten befänden. Falls er nicht sofort etwas unternehme, müsse er mit deren Tod rechnen. Obwohl Neidhart schliesslich bis auf 250.000 Franken herunterging, hatte zu hoch gepokert. Bloch (S.127)

wusste inzwischen, dass die Angaben nicht stimmen konnten. Der Handel kam nicht zustande.[Die Deportation war scheinbar gelogen].

Bei der Strafuntersuchung gegen Paul und Josef Neidhart sowie vier weitere Angeklagte interessierte die Ermittler weniger der Menschenhandel als vielmehr die dahinterstehenden Absichten. Denn die Balser hatten den "dringenden Verdacht", dass es den Neidharts in den meisten Fällen nicht um den Freikauf von Juden ging, sondern nur um das Aufspüren von in der Schweiz deponierten jüdischen Vermögen. Aufgrund des Falls Haeberlen lag die Vermutung nahe, dass der deutsche Zollfahnder Dünnhaupt der Auftraggeber war.

[Der Fall der Familie Loeb mit verhafteten Juden in Frankreich]

So meldete sich im Jahr 1942 Robert Loeb im Büro von Paul Neidhart. Loeb wollte wissen, wie sein Onkel, seine Tante und zwei Cousinen aus Frankreich freizubekommen seien. Neidhart nannte ein Lösegeld von 10.000 bis 12.000 Franken pro Person und zeigte Loeb zum Beweis seiner einschlägigen Erfahrung verschiedene nach Lörrach adressierte Telegramme. Daraufhin erklärte er die Vorgehensweise. Die Losgekauften würden bis zur schweizer Grenze geleitet, worauf es ihre Sache sei, wie sie in die Schweiz gelangten. Im selben Gespräch erkundigte sich Neidhart bei Loeb, ob sein Onkel Salomon Loeb-Metzger, der im Departement Tarn wohnte, Vermögen in der Schweiz habe, eventuell Guthaben bei Geschäftsfreunden, um dies den deutschen Behörden mitzuteilen.

Laut den Balser Untersuchungsbehörden gingen die Informationen von Loeb direkt nach Deutschland. "In der Folge erstattete der Angeklagte Dr. Neidhart Dr. Dünnhaupt Meldung über einen gewissen Metzler. Es handle sich um einen Juden, der im Jahre 1934 oder 1935 von Deutschland nach Frankreich gereist sei, sich zuerst in Paris aufgehalten habe und nach der Besetzung mit einer falschen Carte d'Identité [Identitätskarte] nach einem Orte am Fluss Tarn geflohen sei und sich dort nun mit einer Verwandten in einem Hotel aufhalte. Neidhart wollte von einem guten Freund der Basler Verwandten des Metzler erfahren haben, dass diese sein Vermögen von einer Million Schweizer Franken verwalteten. Dr. Neidhart fügte hinzu, er selbst könne keine weiteren Erhebungen machen, da es sonst auffallen würde. Für Dr. Dünnhaupt sei es aber eine einfache Sache, da Metzler Jude sei, da könne kurzer Prozess gemacht werden. Es kann kein Zweifel bestehen, dass dieser Metzler mit dem obgenannten Salomon Loeb-Metzger identisch ist."


[Angezapft: Der Verrat von Bankdaten an Nazi-Deutschland durch die Familien-Mafia Neidhart in der SKA]

[Bruder Leodegar bei der SKA (heute CS) am Paradeplatz in Zürich - das Bankgeheimnis der SKA wird mit der Gestapo geteilt - und das Strafverfahren wird eingestellt]

In den skrupellosen Geschäften mit den Nazi-Opfern spielte neben (S.128)

Paul und Josef Neidhart noch ein weiteres Familienmitglied eine entscheidende Rolle. Bruder Leodegar Neidhart arbeitete als Bankbeamter bei der Schweizerischen Kreditanstalt [SKA, heute CS] in Zürich und war somit der ideale Partner für das Geschäft von Paul Neidhart. Während sich Josef Neidhart und weitere Personen Informationen über jüdische Vermögen in der Schweiz mühsam beschaffen mussten, sass Leodegar direkt an der Quelle. Und er zapfte sie an. Die SKA teilte ab diesem Zeitpunkt einen Teil ihres Bankgeheimnisses mit der Gestapo.

Den Beweis für das Leck am Paradeplatz liefert eine Abschrift von zwei Kontoinformationen, die die Basler Behörden bei der Verhaftung von Paul Neidhart retten konnten. "Leo Markus" hatte die Belege via Josef Neidhart im Verlauf des Jahres 1943 oder Anfang 1944 erhalten. dabei handelte [es] sich um zwei Österreicher mit Wiener Adressen, deren Namen jüdisch klangen und von denen die SKA keine Nachrichten hatte. Auf der Abschrift waren auch die Preisvorstellungen der Neidharts vermerkt. Für Dr. Alfred Schugowitsch sollten 500.000 Franken gezahlt werden. Für den Fall, dass er verheiratet war, erhöhte sich die Summe auf 800.000 Franken. Bei Professor Viktor Schufinsky lag der Preis tiefer, das "Angebot" lautete auf 350.000 Franken. Die wahren Dimensionen der heiklen SKA-Affäre wurden allerdings nie aufgedeckt. Die Basler Untersuchungsbehörden konnten oder wollten nicht herausfinden, in wie vielen Fällen Leodegar Neidhart vertrauliche Informationen weitergeleitet und die Nazis somit von jüdischen Konten in der Schweiz erfahren hatten. In der ausführlichen Urteilsschrift kamen die Richter lediglich zu dem Schluss:

"Paul Neidhart erhielt die Meldung nachgewiesenermassen von seinem Bruder (...). Wohl lassen auch hier das beharrliche Bestreiten des Josef Neidhart im Untersuchungsverfahren (...) und das Fehlen des Original-Zettels eine Weiterleitung nach Deutschland vermuten, doch reichen diese Verdachtsgründe nicht zu einer Überführung der Täterschaft."

Leodegar Neidhart wurde mit keinem Wort erwähnt. Er gehörte nicht zum Kreis der Angeklagten. Die sonst so gründliche Staatsanwaltschaft hatte das Strafverfahren gegen ihn bereits am 12. Februar 1945 eingestellt und dies auch der Bundesanwaltschaft mitgeteilt. Die Untersuchung gegen den SKA-Beamten hatte zwar einwandfrei ergeben, dass er sich bei seinem Arbeitgeber mindestens eine Auskunft beschafft und an einen Vertreter der Gestapo weitergegeben hatte, aber es konnte angeblich nicht bewiesen werden, "dass objektiv oder subjektiv einem verbotenen (S.129)

Nachrichtendienst Vorschub geleistet wurde, da glaubhaft gemacht wurde, dass Leodegar Neidhart zur Auskunftserteilung ermächtigt worden war und er damals keinen Grund zu Verdacht hatte."

[Fall: Eine Liste der SKA mit 28 Konten von reichen Deutschen]

Interessant ist, dass die schweizerische Bundesanwaltschaft kurze Zeit später einen weiteren Bankbeamten der SKA verdächtigte, den Nazis während des Krieges Informationen geliefert zu haben. Sie war im Besitz einer Liste mit 28 Konten, die alle deutschen Staatsangehörigen unterschiedlichster Herkunft gehörten. Darunter waren sogar Prominente wie Nazi-Regisseurin Leni Riefenstahl, die bei der SKA 2,5 Millionen Franken deponiert gehabt haben soll.

[Die Anmerkung der Bundesanwaltschaft]: "Die vorstehenden Angaben sind dem Gewährsmann seiner Zeit durch einen deutschen Agenten zugehalten worden. Dieser wiederum hat sie von schweizerischen Mittelsmännern bekommen. Der eigentliche Lieferant dieser Meldungen über die 'Deutschen Schwarzguthaben in der Schweiz' soll angeblich ein Bankkassier der Schweizerischen Kreditanstalt in Zürich sein", vermerkte die Bundesanwaltschaft in einem Bericht vom 18. Juli 1945. Ihr Interesse galt einem abgeschlossenen Verfahren gegen "August Naegele, Jehle, Brügger und Konsorten, die wegen verbotenen, wirtschaftlichen Nachrichtendienst (ND) verurteilt worden sind. In jenem Fall ist aber wahrscheinlich nicht der ganze Umfang der ND-Tätigkeit bekanntgeworden, jedenfalls nicht die angebliche Mitwirkung eines Bankbeamten in Zürich." Die SKA will heute zu diesen Fällen keine Stellungnahme abgeben [1997].

[Die Urteile gegen den "Anwalt" Neidhart und seine Familie - Sippenhaft und Mobbing gegen Kinder im Heimatdorf]

Im Gegensatz zu Leodegar liessen die Basler Strafbehörden bei den restlichen Neidharts bedeutend weniger Nachsicht walten. Während die SKA-Affäre bei der Staatsanwaltschaft zu den Akten gelegt wurde [um den Ruf der schweizer Banken zu retten und den Raub der Judengelder zu decken, und vielleicht durch ein Bestechungsgeld der Bank...], sorgte das Verfahren gegen den Drahtzieher Paul Neidhart für regelmässige Schlagzeilen in der schweizer Presse. Das Strafgericht verurteilte ihn "wegen fortgesetzten politischen und wirtschaftlichen sowie wegen militärischen Nachrichtendienstes und Urkundenfälschung" zu vier Jahren Zuchthaus inklusive fünf Jahre Berufsverbot als Anwalt. Gehilfe Josef Neidhart kam glimpflicher davon, denn ihm konnte man im Wesentlichen nur Nötigung in einem Fall nachweisen. Faktisch lebenslänglich gebrandmarkt wurde hingegen der Rest der Familie. Der damalige Medienrummel sorgte insbesondere im Heimatdorf der Neidharts für eine Sippenhaftung in Reinkultur. Obwohl fünf Geschwister von Paul Neidhart mit seinen Geschäften nichts zu tun hatten, galten sei ebenfalls als die willigen Helfer der Gestapo. Selbst deren Kinder (S.130)

wurden vom dörflichen Mobbing nicht verschont. Daran konnten auch fünfzig Jahre nichts ändern. "Wir leiden heute noch darunter. Die Leute sagen es uns zwar nicht ins Gesicht, aber man merkt ab und zu, dass sie hinter unserem Rücken immer noch darüber reden", meint der Sohn eines Bruders von Paul Neidhart.

V172 alias Paul Neidhart starb Anfang der neunziger Jahre im Alter von über 80 Jahren in der Ostschweiz. Neidhart war sich sein Leben lang treu geblieben. In seinem Liegenschaftenhandel, den er nach der Entlassung aus dem Zuchthaus aufgezogen hatte, machte er wiederum nur "mit fragwürdigen Leuten Geschäfte", wie sich der Sohn seines Bruders erinnert.

[Die Bestechung der schweizer Behörden durch den NS-Staat mit Judensachen: Schmuck, Diamanten, Gold, Wertpapiere etc.]

Die Affäre Neidhart illustriert die Haltung eines im Krieg unversehrten, aber nicht unbeteiligten Landes. Als Gestapoagent ohne Lobby eignete sich der Winkeladvokat bestens für die nationale Psychohygiene. Medien wie die "Neue Zürcher Zeitung" stellten ihn und ein paar andere hemmungslos an den Pranger und erweckten so den Eindruck einer rigorosen Vergangenheitsbewältigung. Doch die grossen Drahtzieher waren in der Öffentlichkeit kein oder nur selten ein Thema. Da herrschte nicht nur Stillschweigen über die Machenschaften der Banken mit kommissarischen Verwaltern oder erpressten Vollmachten der Gestapo, sondern auch über das grösste Raubgütergeschäft des zwanzigsten Jahrhunderts. Die Nazis holten sich nicht nur [einen ansehnlichen Prozentsatz der] Fluchtgelder ihrer Opfer aus der Schweiz ¨zurück. Im Gegenzug lieferten sie dem Alpenstaat zwecks Devisenbeschaffung tonnenweise gestohlene Wertgegenstände. Ob Schmuck, Diamanten, Gemälde, Gold, Obligationen oder Aktien, die Hehler mit dem schweizer Pass lehnten kein Geschäft ab.
 
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