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Treuhänder des Reichs

10. Gelder für den Untergrund (Vorbereitungen für ein "Viertes Reich" - und die Fluchtburg Liechtenstein)

Der Besuch einer Antifaschistin bei Paul Rossy 1946: Ein Herr "von Meyer" hat 1944 400 Millionen Franken NS-Gelder verschoben -- Deutsche Postwagen von Nürnberg in die Schweiz nach Davos -- Falschdeklarationen bei Paketen: Statt "Zollpapiere" kommt Bargeld von mehreren 10.000 Franken zum Vorschein -- Die 12 Namen des Geheimnetzes - oberste schweizer Wirtschaftsführer - die Konferenz von Strassburg -- Das Netz von Strassburg mit Firmen und Namen - Marie von Hallwyl - Bührle - Ruscheweyh -- NS-Mann Ruscheweyh: Vergabe von Rüstungsaufträgen in der Schweiz - installiert sich 1944 in Liechtenstein -- Liechtenstein als Fluchtburg für viele NS-Financiers ab 1944

Präsentation von Michael Palomino (2013)


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aus: Peter Balzli: Treuhänder des Reichs. Eine Spurensuche. Werd-Verlag, Zürich 1997

* Die mit * gekennzeichneten Namen wurden aus Gründen des Personenschutzes vom Verfasser geändert (S.15)

[Es gilt eigentlich der Grundsatz, dass die Fluchtgelder der hohen, deutschen Nazis eigentlich dem deutschen Volk gehören und zurückgegeben werden müssen, zumindest der Prozentsatz, der ein normales Einkommen übersteigt. Ein Teil der Fluchtgelder stammt auch von Verwertungen von Raubgut des Judentums].
<Gelder für den Untergrund

Auch nach der Kapitulation soll der Nazi-Terror weiterleben. Emil Bührle und andere stehen im Verdacht, im Finanznetz des "Vierten Reichs" verstrickt zu sein.


[Der Besuch einer Antifaschistin bei Paul Rossy 1946: Ein Herr "von Meyer" hat 1944 400 Millionen Franken NS-Gelder verschoben]

Den Namen kannte nur Paul Rossy. Das geheime Treffen des Vizepräsidenten der Nationalbankdirektion fand im Mai 1946 unter der Bedingung statt, dass niemand sonst die wahre Identität des Besuchers erfahren durfte.

Während des Gesprächs stellte sich heraus, dass die schillernde Figur offenbar eine harte Kritikerin der italienischen Faschisten gewesen war. Dafür musste die unbekannte Person bereit vor Kriegsausbruch harte Konsequenzen in Kauf nehmen. Während eine Diners bei der Witwe des italienischen Physik-Nobelpreisträgers, Guglielmo Marconi, hatte sie eine unvorsichtige Bemerkung fallen lassen, worauf sie verhaftet wurde. Auch während des Krieges musste sie ins Gefängnis. Später wurde sie von den Deutschen ins Konzentrationslager Dachau deportiert.

Die Person in Rossys Büro erzählte, dass sie vorher in Italien in diplomatischen Kreisen verkehrt habe. Bei einem Essen in der deutschen Botschaft, die bereits in die Region des Gardasees zurückverlegt worden war [in der Republik Saló von Ende 1943 bis Mai 1945], habe sie die Bekanntschaft eines Mannes gemacht, den alle "von Meyer" nannten. Ein Funktionär der Botschaft habe ihr erklärt, dass von Meyer nur ein Deckname ei. Der Mann verwalte die geheimen Fonds der Nazis im Ausland. Dieser von Meyer habe über die Schweiz 400 Millionen Schweizer Franken verschoben, wovon ein bedeutender Teil in der Schweiz geblieben sei.

Bis heute ist unbekannt, mit wem sich Rossy getroffen hatte. Ungeklärt ist auch, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelte. Jedenfalls nahm der SNB-Direktor die Informationen des geheimnisvollen Besuchers nicht sonderlich ernst. Die Summe von 400 Millionen Schweizer Franken erschien ihm völlig unrealistisch. In einem Brief an das EPD [Eidgenössisches, Politisches Departement, schweizer Aussenministerium] vom 16. Mai 1946 äusserte er den Verdacht, dass die Person (S.249),

deren Namen er nicht nennen durfte, sich schlicht rächen wollte, weil sie "Meyer" für ihre Deportation verantwortlich machte. Deshalb sah Rossy keinen Grund, die Angelegenheit weiterzuverfolgen. [Dann war "von Meyer" wahrscheinlich Heydrich].

Rossys Desinteresse stand in krassem Widerspruch zur Wirklichkeit während des Zweiten Weltkrieges. Die geheimen Fonds der Nazis mussten immens sein. Die Amerikaner waren davon überzeugt, dass die Nazis versuchen würden, nach Kriegsende ihre Kernorganisation und Propaganda ausserhalb Deutschlands weiterzuführen. Die professionellen Praktiken der Geldverschiebung und Tarnung kamen mit aller Wahrscheinlichkeit auch in diesem Bereich zur Anwendung. Im Rahmen der Safehaven-Operation versuchten die Alliierten folglich, ausser den Privatvermögen der Nazi-Bonzen und -Konzerne vor allem eines aufzudecken: die geheime Untergrundbewegung der NSDAP und ihre Finanzstruktur.
[Im August 1944 fand in Strassburg die "Konferenz von Strassburg" statt, wo die Nazi-Grössen und schweizer Vertreter den Kapitaltransfer nach Süd-"Amerika" aushandelten].

Die Agenten der Amerikaner hörten in der ersten Hälfte des Septembers 1944 von konkreten Kapitalverschiebungen in Richtung Schweiz, die laut ihren Informanten für die Untergrundbewegung bestimmt gewesen waren. Repräsentanten von Hermann Göring sollen grosse Summen in Davos und Lausanne deponiert haben. Diese Transaktion blieb auch den Schweizern nicht verborgen. Am 25. September 1944 gab Major Plattner vom Sicherheitsdienst des Armeekommandos der Bundesanwaltschaft bekannt:

"Es wird uns gemeldet: 'Anfang September 1944 kamen Vertrauensleute Görings mit Diplomatenpässen in die Schweiz und hinterlegten hier bei der Filiale Davos der Bündner Kantonalbank und bei der Waadtländer Kantonalbank in Lausanne grössere Geldbeträge'." Trotz fehlender Archive dementiert die Bündner Kantonalbank heute diesen Vorfall. Die Waadtländer sind vorsichtiger: Sie sehen sich nicht in der Lage, dazu Stellung zu nehmen.

[Deutsche Postwagen von Nürnberg in die Schweiz nach Davos]

Die ausländischen Geheimdienste beobachteten noch weitere Operationen. Mitte Oktober sollen von deutschen Polizisten begleitete Postwagen auf die Reise geschickt worden sein. Der Transport führte von Nürnberg über München und kam bei Buchs über die schweizer Grenze. Daraufhin sollen grosse Summen in Form von Bargeld und Wertschriften bei zwei Banken in Davos deponiert worden sein - ein Teil war für das Deutsche Sanatorium bestimmt [das die NSDAP zur Parteizentrale umfunktioniert hatte, wo auch der zukünftige Gauleiter der Schweiz residierte etc.]. Laut Bericht des Office of Strategic Service (OSS), der Vorläuferorganisation der CIA, steckte wiederum Göring hinter diesen Transaktionen (S.250).

[Falschdeklarationen bei Paketen: Statt "Zollpapiere" kommt Bargeld von mehreren 10.000 Franken zum Vorschein]

Im Gegensatz zum Eidgenössischen Politischen Departement [Aussenministerium] nahmen andere Teile der schweizer Behörden die ominöse Untergrundbewegung und die damit verbundenen Kapitalverschiebungen ernster. So wurde ebenfalls im Herbst 1944 festgestellt, dass die Deutschen regelmässig Pakete in die Schweiz schickten, die als Zollpapiere deklariert waren. Es stellte sich jedoch heraus, dass es sich dabei um hohe Geldbeträge handelte, die an schweizer Banken adressiert waren. So schickte die Berliner Bank am 17. Oktober eine getarnte Sendung an die Bank "von Ernst & Cie." in Bern. Die angeblichen Zollpapiere entpuppten sich als 50.000 Reichsmark in bar. Die Falschdeklarationen beunruhigten die Oberzolldirektion. In einem Brief an die Bundesanwaltschaft vom 24. November 1944 forderte sie mehr Informationen über diese Machenschaften:

"Da Anzeichen vorhanden sind, dass bei einem allfälligen Sturz der NSDAP in Deutschland eine solche Organisation illegal und geheim in der Schweiz aufgebaut werden soll, ist nicht von der Hand zu weisen, dass diese Gelder zu dem Zwecke in die Schweiz gelangen. Wir haben deshalb ein grosses Interesse zu wissen, an wen diese Wertbriefe gesandt werden und was deren Inhalt ist. "

Tatsächlich waren die schweizer Hintermänner von grösstem Interesse. Denn die einzelnen Beobachtungen, die die Schweizer und Alliierten gemacht hatten, lieferten wenig Anhaltspunkte über das zugrundeliegende System. Die entscheidenden Fragen waren: Welche Schlüsselfiguren und -firmen koordinierten und verwalteten die in die Schweiz geflossenen Gelder? Wer war der Finanzchef des Untergrundnetzes?

[Die 12 Namen des Geheimnetzes - oberste schweizer Wirtschaftsführer - die Konferenz von Strassburg]

Die Bundesanwaltschaft kannte ab Mitte November 1944 mögliche Antworten auf diese Fragen. Sie war im Besitz einer geheimen Liste mit zwölf Personen und Firmen. Dabei handelte es sich um die mutmasslichen Drahtzieher, die die Finanzen der geplanten Untergrundbewegung verwalteten. Die Spuren führten in die obersten Etagen der schweizer Wirtschaft.

Ein Bankier war der Lieferant der brisanten Liste. Max Ritz, Geschäftsleitungsmitglied bei dem Basler Bankhaus La Roche & Co., hatte die streng vertraulichen Informationen der Bundesanwaltschaft übergeben. Laut ihrem Bericht vom 17. November 1944 war Ritz nur der Mittelsmann. Die Namen stammten von einem Bankier in Paris, dessen Identität geheim blieb. Dass die Liste ausgerechnet aus Frankreich (S.251)

kam, dürfte kein Zufall gewesen sein. Am 10. August hatte im Hotel "Maison Rouge" in Strassburg eine geheime Sitzung mit den Spitzen der deutschen Industrie- und Bankenwelt sowie mit verschiedenen schweizer Bankiers stattgefunden. Unter der Leitung von Martin Bormann, Chef der Parteizentrale und Sekretär Hitlers, diskutierten die Geladenen über Möglichkeiten, "im neutralen Ausland finanzielle Rücklagen zu bilden". Dabei standen fast 800 Firmen zur Diskussion, davon über 200 in der Schweiz. Die dort deponierten Gelder sollten die Grundlage für das "Vierte Reich" bilden.

[Das Netz von Strassburg mit Firmen und Namen - Marie von Hallwyl - Bührle - Ruscheweyh]

Laut Ritz' Liste liefen die finanziellen Fäden der Untergrundbewegung bei Albrecht von Urach zusammen. Der Prinz war ein Vertrauter Himmlers und hatte eine hohe Position beim Sicherheitsdienst (SD). Ende 1944 wechselte er nach Bern und arbeitete dort offiziell als Presseattaché der deutschen Gesandtschaft. Gemäss den Informationen des amerikanischen Geheimdienstes OSS organisierten Ernst Kaltenbrunner, Chef des Reichssicherheitshauptamtes und Nachfolger des ermordeten Heydrich, sowie Martin Bormann ohne Wissen der Wehrmacht und des Reichswirtschaftsministeriums die Verschiebung der geheimen Fonds für den Untergrund. Von Urach dürfte dafür die Anlaufstelle gewesen sein.

Zum Mitarbeiterstab des Prinzen zählten laut Liste die Comtesse Marie von Hallwyl, Rudolf Ruscheweyh, Jean B. Wagner und Richard Kronstein. Die Gelder wurden von drei Firmen verwaltet: Limor AG in Zürich, Metallogen AG in Zürich und Immobilientrust in Vaduz. Im erweiterten Kreis der Tarnorganisation arbeiteten Erich Führer, Pierre Josef du Pasquier, Marc Bloch und Heinrich Kleinschrott. Dem OSS waren diese Personen und Firmen nur zum Teil bekannt. Dafür verdächtigten sie zusätzlich die Schweizerische Kreditanstalt [SKA, heute CS] und die Basler Handelsbank.

[Die Verhaftung von Marie von Hallwyl: Die Firma "Metallogen" ist Eigentum von Bührle]

Bei ihren Ermittlungen stiess die Bundesanwaltschaft auf zahlreiche Verbindungen zwischen den genannten Personen und Firmen. Marie von Hallwyl war bereits den Alliierten als Spionin und Geldschieberin aufgefallen. Die Schweizer verhafteten sie Ende des Krieges wegen verbotenen Nachrichtendienstes. In den Verhören sagte sie aus, dass die Metallogen im Besitz des Bührle-Konzerns sei. Das war eine entscheidende Information, denn ihr Mann, Sigismund von Hallwyl, fungierte als Geschäftsführer dieser Firma. Laut Handelsregister war die Metallogen am 12. Oktober 1942 gegründet worden (S.252).

Vor der Gründung der mutmasslichen Bührle-Tochter arbeitete Sigismund von Hallwyl für die 1941 gegründete Limor. Verwaltungsratspräsident war während des Krieges Theodor Jäger, gleichzeitig Direktor beim Zürcher Sitz der Schweizerischen Bankgesellschaft [SBG, heute UBS AG].


[NS-Mann Ruscheweyh: Vergabe von Rüstungsaufträgen in der Schweiz - installiert sich 1944 in Liechtenstein]

[Die Verbindung zwischen Urach, Bührle und Ruscheweyh - der Prunkpalast in Vaduz und Rüstungsaufträge in die Schweiz]

Die Bundesanwaltschaft fand auch Spuren, die zur dritten Firma führten. Laut ihren Ermittlungen hiess der Immobilientrust in Vaduz in Wirklichkeit Immobilien-Anstalt. Dabei handelte es sich wiederum um eine Bührle-Firma.

Die Angaben auf der geheimen Liste waren jedoch nicht alle plausibel oder einfach nachzuvollziehen. So hatten die schweizer Fahnder bei Richard Kronstein Mühe, ihn in Verbindung mit Nazigeldverschreibungen zu bringen, denn gemäss einem Informanten galt Kronstein als überzeugter Jude und Anti-Nazi. Auch bei anderen Personen dauerte es ein bisschen länger, bis sie in das vom Prinzen von Urach geleitete Netz eingereiht werden konnten. Im Fall von Rudolf Ruscheweyh bedurfte es eines Zufalls, um aussagekräftige Indizien zutage zu fördern.

Ruscheweyh galt als eine der schillerndsten Schlüsselfiguren im Rüstungsgeschäft des Zweiten Weltkrieges. In einem OSS-Bericht vom 22. April 1946 zu den Safehaven-Operationen in der Schweiz bezeichneten ihn die Amerikaner als "einen der grössten Kriegsprofiteure". Nachdem die Alliierten Paris eingenommen hatten, habe er sich nach Liechtenstein abgesetzt, wo er enge Beziehungen mit der Regierung unterhalten habe. Der internationale Financier Ruscheweyh sei früher als Offizier in der deutschen Spionageabwehr tätig gewesen, danach habe er für Oerlikon-Bührle als Vermittler gearbeitet.

Auch in der Schweiz war Ruscheweyh hinter den Kulissen zum Politikum avanciert. Die Behörden wussten über ihn noch viel mehr als die Alliierten, vor allem über seine Kontakte zu Bührle. Anlass dafür waren einerseits die Ermittlungen der Bundesanwaltschaft. Zum anderen hatte die Verrechnungsstelle durch einen Zufall geheime Zahlungen aufgedeckt, die Anfang Februar 1946 sogar in der Nationalbank zum Thema wurden. Unter dem Titel "Angelegenheit Bührle und Ruscheweyh" kam die gesamte Affäre auf den Tisch des Direktoriums:

"Ein früher in Holland domiziliert gewesener deutscher Staatsangehöriger namens Ruscheweyh vermittelt seit 1940 der Werkzeugmaschinenfabrik Oerlikon umfangreiche deutsche Rüstungsbestellungen, für (S.253)

die er Millionenbeträge als Provisionszahlungen direkt, statt über das schweizerisch-deutsche Clearing, ausbezahlt erhielt", heisst es im SNB-Protokoll No. 173. Die am Verrechnungsverkehr vorbeigeschmuggelten Schwarzzahlungen waren nur möglich, weil die liechtensteinischen Behörden bereitwillig eine falsche Wohnsitzangabe lieferten. Ab 1940 bestätigten sie immer wieder, dass Ruscheweyh in Liechtenstein niedergelassen sei und darum Zahlungen an ihn nicht unter das Clearing fallen würden. Die Wahrheit sah jedoch ganz anders aus. Aufgrund ihrer Untersuchungen wussten die Schweizer, "dass er 1940 um die liechtensteinische Niederlassung nachsuchte und von der Regierung in Vaduz auch erhalten hatte, nachdem er vorgab, er werde sich in Liechtenstein niederlassen. Diese Niederlassung erfolgte tatsächlich erst 1944, in welchem Jahre sich Ruscheweyh einen Prunkpalast bauen liess."

In den Jahren zuvor sei er im deutschen Heeresdienst gestanden und in allen Ländern der deutschen Einflusssphäre herumgereist. Ruscheweyh habe "für das Oberkommando der deutschen Wehrmacht Rüstungsbestellungen im Ausland, vor allem in der Schweiz vergeben.

[Schwarzgeldzahlungen von 12 Millionen Franken nachgewiesen - Bührle verweigert, in das schweizer Clearing einzuzahlen]

Unter Mithilfe der Eidgenössischen Fremdenpolizei [Frepo] konnte die Verrechnungsstelle Schwarzgeldzahlungen in der Höhe von 12 Millionen Franken nachweisen. Von Emil Bührle wurde daraufhin verlangt, den Betrag nochmals in das Clearing einzuzahlen. Doch Bührle weigerte sich und legte einen Rekurs ein. Für die zuständige Clearingkommission, in der auch die Nationalbank vertreten war, war der Fall eindeutig. Sie schmetterte den Rekurs einstimmig ab. In der Folge liess der Waffenfabrikant die Muskeln spielen und mobilisierte seine Beziehungen zur schweizer Machtelite.

"Bührle versuchte, seinem Standpunkt auf Nichtbezahlung der 12 Millionen Franken in ´persönlichen Fürsprachen bei Herrn Dr. Homberger (und wohl auch bei der Schweizerischen Kreditanstalt [SKA, heute CS]) wie auch in Bern Gehör und Geltung zu verschaffen, was ihm zum Teil gelungen ist", wie die SNB monierte.

Bührles Lobbying zeigte tatsächlich Wirkung. Vor allem der einflussreiche Vorort-Chef [Chef der schweizerischen Aussenhandelskommission "Vorort"] Heinrich Homberger half ihm. Zwar wagte es der oberste Arbeitgeber nicht den Entscheid der Clearingkommission grundsätzlich in Frage zu stellen. Laut Protokoll plädierte Homberger aber für eine Reduktion der Zahlung, "als Entgelt dafür, dass Ruscheweyh in der Schweiz eine nützliche Tätigkeit (!) entwickelt und nachher in Liechtenstein einen gewissen Aufwand getrieben habe, wovon die (S.254)

schweizerische Wirtschaft profitierte." [Rüstungsaufträge gibt Arbeit, dies war seit 1940 das A und O in der Schweiz, und das Dritte Reich war zu 90% der Abnehmer]. Homberger mutmasste zudem, dass die Verrechnungsstelle diese Provisionszahlungen während des Krieges "vermutlich" zum Teil vom Clearing befreit hätte. Eine reine Spekulation, die die Verrechnungsstelle "mit aller Entschiedenheit" dementierte.

Hombergers Plädoyer lag ganz auf der Linie der Schweizerischen Bankiervereinigung und der Schweizerischen Zentrale für Handelsförderung, "während die Vertreter der Handelsabteilung, des EPD [Aussenministerium der Schweinz]und der Nationalbank sich gegen eine Leistung an Ruscheweyh wandten". Insbesondere die Nationalbank wollte von einer zusätzlichen Belastung der Bundesfinanzen nichts wissen, schliesslich hatte das Dritte Reich im geregelten Zahlungsverkehr mit der Schweiz Schulden in der Höhe von über einer Milliarde Franken - die sogenannten Clearing-Milliarde - hinterlassen. Die Art und Weise, wie die Affäre behandelt wurde, lief ihr sowieso gegen den Strich. Ein SNB-Direktor beobachtete "eine starke Einflussnahme der Vertreter der Industrie- und Bankenkreise auf die Entscheidungen der Clearing-Kommission". Ihm fiel besonders auf, "dass der Vorort in diesen Entscheidungen ein ausserordentlich starkes Gewicht zur Geltung zu bringen vermag. Manchmal hat man den Eindruck, dass der Vertreter des EVD (Eidgenössisches Volkswirtschaftsdepartement, d.Verf.) selbst gegen die Ansichten des Vorortes kaum aufzutreten wage". Ohne Homberger lief eben fast nichts.

[Das heisst: Die schweizer Regierung war durch Homberger erpressbar, der die Beziehungen zum Dritten Reich unter sich verwaltete. Homberger war quasi der Aussenminister der Schweiz für das Deutsche Reich].

Die Untersuchungen der Bundesanwaltschaft und der Verrechnungsstelle zeigen anschaulich, wie eng der Waffenfabrikant mit einem Teil der Namen der ominösen Liste verbandelt war und wie verdeckte Transaktionen abliefen. Dass die Nazi-Gelder durch diese Kanäle in den Untergrund geflossen sind, ist somit sehr wahrscheinlich, aber nicht bewiesen.

[Die Immobilien-Anstalt Vaduz (IAV) ab 1958]

Die Oerlikon-Bührle-Holding (OBH) besitzt heute laut eigenen Angaben "keine Unterlagen" über die Firma Metallogen oder Rudolf Ruscheweyh. Allerdings sind bezüglich der Immobilien-Anstalt Vaduz (IAV) noch Revisionsberichte ab dem Jahr 1958 im Archiv vorhanden. Die IAV befand sich im Besitz der liechtensteinischen OBH-Tochter Presta und besass Ein- und Mehrfamilienhäuser. 1981 wurde die IAV von der Presta an die Presta-Pensionskasse verkauft. Zehn Jahre später ging die Presta in deutschen Besitz über. Die OBH verkaufte sie an die Gerlach-Werke GmbH in Homburg. (S.255)


[Liechtenstein als Fluchtburg für viele NS-Financiers ab 1944]

Das Beispiel Bührle zeigt auch, dass im Gegensatz zur heute weitverbreiteten Ansicht bei weitem nicht alle Zahlungen durch das Clearing erfasst wurden. Mit einer entsprechenden Konstruktion liessen sich Schlupflöcher nutzen. Neben den erwähnten Tarngesellschaften, Überfakturierungen und Scheinaufträgen spielte dabei die Drehscheibe Liechtenstein eine entscheidende Rolle. Mit grosszügigen Einbürgerungen und falschen Niederlassungsbestätigungen mauserte sich das Fürstentum gegen Ende des Krieges zum heimlichen Réduit für dem NS-Regime nahestehende Financiers. Auffallend war, dass sie allesamt über direkte Drähte in die Regierung oder ins Fürstenhaus verfügten. Zum deutschen Club Klub mit Liechtensteiner Pass gehörten nicht nur Rudolf Ruscheweyh, Frölichers Vertrauensanwalt Josef Steegmann oder Bankier Adolf Ratjen. Da gab es unter anderem noch den schwerreichen Kurt Herrmann. Ihm wurde nachgesagt, Görings heimlicher Vermögensverwalter zu sein.  (S.256)

[Auch in diesem Fall gehört alles Nazi-Fluchtkapital der deutschen Bevölkerung. Fluchtkapital aus besetzten Gebieten gehört der Bevölkerung der besetzten Gebiete. Aber auf die Idee, dass Liechtenstein Gelder zurückzahlen müsste, ist bis heute NIEMAND gekommen. Vielleicht ist aber später Geld zum Wiederaufbau nach Deutschland zurückgeflossen. Es fehlen Untersuchungen].
 
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